Nagold Müllwagen kippt um und tötet fünf Menschen

Bei dem Unfall mit einem Müllwagen im baden-württembergischen Nagold (Kreis Calw) ist eine fünfköpfige Familie ums Leben gekommen.

Es klingt wie ein Albtraum: Ein tonnenschwerer Müllwagen kippt auf ein Auto – und begräbt eine Familie unter sich. Alle fünf Insassen sind tot: zwei junge Erwachsene, eine Jugendliche, ein Vorschulkind und ein wenige Wochen alter Säugling. Wie der SÜDKURIER erfuhr, handelt es sich um ein junges Paar, die Frau 25, ihr Lebensgefährte 22, und seine zwei Kinder, ein zweijähriges Mädchen und ein wenige Wochen alter Junge. Die fünfte Person ist wohl die Schwester der jungen Mutter. Das Wrack an der Landestraße 361 am Industriegebiet kurz vor Nagold (Kreis Calw) ist kaum noch als Auto zu erkennen. Lediglich das Nummernschild ist noch lesbar. „KN“... der Wagen ist im Kreis Konstanz zugelassen.  „Einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen“, meint ein Beamter. Neben dem Wagen ist ein herausgerissener Kindersitz zu sehen. Leichter Nieselregen setzt nach dem Unfall ein, es ist kalt. 

Die vierköpfige Familie lebte nach Angaben der Polizei in Mötzingen (Kreis Böblingen). Zum Wohnort der 17-Jährigen machte die Polizei keine näheren Angaben. Zunächst hatte die Polizei laut der Deutschen Presseagentur (dpa) berichtet, die Familie stamme aus Singen. Laut Polizei war das Auto der Familie im Landkreis Konstanz angemeldet.
Feuerwehrkräfte arbeiten auf einer Straße bei Nagold (Kreis Calw) an einer Unfallstelle, an der ein Müllwagen auf ein Auto gekippt war.
Ursache für den Unfall war möglicherweise ein technischer Defekt, sagte ein Polizeisprecher. | Bild: Dettenmeyer (sdmg)


Die Polizei spricht von „einem Bild des Grauens“. Es ist eine Beschreibung, die die Beamten in ihrem Alltag häufig benutzen – doch in diesem Fall trifft sie zu. Die Feuerwehrleute mussten nach ihrem Eintreffen zunächst das begrabene Autowrack und den Müllwagen mit großen dunklen Planen vor neugierigen Blicken abschirmen. Dann galt es, möglichst rasch schweres Gerät heranzuschaffen, um den umgestürzten 26-Tonner wieder aufzurichten – doch das war nicht leicht. „Es hat eine ganze Weile gedauert, bis der Müllwagen aufgerichtet war und wir an den begrabenen Pkw herankamen“, berichtet der Feuerwehrmann Udo Zink. „Das Dach war völlig eingedrückt.“ Die fünf Menschen in dem Auto hatten keine Chance, den Unfall zu überleben.

In Singen herrscht am Abend Entsetzen über den Unfall, die Nachricht verbreitet sich schnell. „Das ist erschütternd!“, schreibt eine Facebook-Nutzerin auf der SÜDKURIER-Facebook-Seite. In weniger als einer Stunde erreicht die Botschaft über 5000 Nutzer, viele Beileidsbekundungen werden abgegeben. Das langjährige Singener Gemeinderatsmitglied Peter Hänssler sagt: „Das ist unglaublich furchtbar.“ Landrat Frank Hämmerle erklärt: „Dass eine ganze Familie wohl durch einen technischen Defekt ausgelöscht worden ist, ist ganz ganz schrecklich. Ich bin entsetzt, und wenn ich an die Kinder denke, zerreißt es mir das Herz.“ 

Noch gestern hat die Polizei versucht, Kontakt zu Angehörigen aufzunehmen, um die Unfallopfer zu identifizieren. Welch schwierige Aufgabe dies ist, kann Dekan Pirmin Späth beschreiben, der mehrere Jahre als Unfallseelsorger im Hegau gewirkt hat. Er selbst ist immer wieder mit der Polizei zu solch heikler Mission aufgebrochen, um Erste Hilfe für die Seele zu leisten. „Wichtig ist, dass sich die Polizeibeamten als Überbringer der Botschaft bald wieder zurückziehen können“, beschreibt Späth. Dann gehe es darum, da zu sein, zuzuhören und Anteilnahme aufzubringen. „Da gibt es nichts zu beschönigen, aber es sollte auch nichts dramatisiert werden“, erklärt er die Aufgabe. Manchmal sei es besser, gemeinsam zu schweigen, als Ratschläge zu erteilen.

Zu Einzelheiten über Verletzungen und Todesursache will sich Erhard Schulz von der Polizei in Nagold nicht äußern. Selbst ältere Beamte von Polizei und Feuerwehr können sich nicht an einen ähnlichen Unfall in der Region erinnern. Die Frage bohrt: Wie konnte ein solches Unglück geschehen? Das Problem: Es gibt so gut wie keine Augenzeugen. Im Industriegebiet Nagold sind vor allem mittelständische Unternehmen angesiedelt – Autozubehör, Metallverarbeitung, ein paar Logistiker, aber es gibt auch schicke Büros und Anwaltskanzleien. Eine sterile Gegend. Hier war der Müllwagen auf Tour, bevor er gegen Mittag die Graf-Zeppelin-Straße in Richtung Nagold fuhr.

Kurz vor der Auffahrt auf die Landesstraße 361 macht die Straße eine sanfte Kurve – und es herrscht leichtes Gefälle. „Der Fahrer gibt an, es habe Probleme mit der Bremse gegeben“, berichtet Schulz. „Der Wagen habe nicht gebremst, im Gegenteil, er habe weiter beschleunigt.“ Schulz spricht im Konjunktiv – ob er der Beschreibung Glauben schenkt oder nicht, lässt er bewusst offen. Der Müllwagen müsse schnell gefahren sein, meint er. So schnell, dass er nicht mehr die Kurve auf die L 361 geschafft habe – und stattdessen auf das vorbeifahrende Auto stürzte.

Auf die Frage nach Bremsspuren zuckt der Polizist mit der Schulter und deutet auf die Straße. „Ich sehe hier keine Bremsspuren. Was ich erkenne, sind lediglich Driftspuren.“ Der 54-jährige Fahrer des Müllwagens steht unter schwerem Schock. Er und sein 26-jähriger Beifahrer sind mit äußerlich leichten Verletzungen in ein Krankenhaus gekommen. Experten sollen nun das Müllfahrzeug untersuchen, um die genaue Unfallursache zu ermitteln. Es gebe einen einzigen Augenzeugen: ein Autofahrer, der in unmittelbarer Nähe fuhr. Ob er etwas zum Unfallhergang sagen kann, ist völlig unklar.

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