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Baden-Württemberg Mit der Krankheit lernen

SÜDKURIER-Spendenaktion: In der Nachsorgeklinik Tannheim ist die Klinik-Schule gut besucht

Inklusiver geht's kaum: Es dürfte bundesweit einmalig sein, wie gemischt die Klassen in der Tannheimer Klinik-Schule zusammengesetzt sind. Transplantierte Herzkinder büffeln neben jungen Krebs-, Mukoviszidosepatienten und körperlich gesunden Geschwisterkindern, die sich beim Unterricht daheim kaum konzentrieren konnten, weil die Gedanken dauernd abschweiften. Die einen haben enorme Wissenslücken, weil sie Monate in Akut-Kliniken lagen, die anderen, weil sie daheim zu oft und zu lange allein waren. Nur vier bis sechs Patienten bilden eine Lerngruppe, darum können sie trotz der heterogenen Zusammensetzung individuell und effektiv gefördert werden. Das siebenköpfige Kollegium besteht aus Allroundern, die alle Schularten und annähernd den gesamten Fächerkanon repräsentieren. Großer Wert wird auf enge Abstimmung mit Eltern und Lehrkräften der Heimatschule gelegt; unverzichtbar ist auch regelmäßiger Austausch mit den interdisziplinären Teams in Tannheim.

„I can – I did can?” Janina (16) hat Englischunterricht und plagt sich mit der Übertragung von simple present ins simple past. „Ich hab' Knochenkrebs und vor einem Jahr ein Bein verloren,“ erklärt sie, warum sie „ewig“ in der Schule fehlte. „I could!“ fällt ihr die richtige Lösung ein, während Nachbarin Louisa (14) über quadratischen Funktionen brütet. „Ich hab' nichts“, sagt sie schüchtern, fast entschuldigend – typisch für ein „Schattenkind“. So werden in Tannheim gesunde Geschwister genannt, die fast zwangsläufig im Abseits familiärer Aufmerksamkeit stehen. „Mein kleiner Bruder hat einen schlimmen Herzfehler, er war schon mal im Koma und wird dauernd operiert. Dann habe ich Angst um ihn und kann nicht denken.“

Ähnlich geht es Fabio (9), der zu einer anderen Lerngruppe im Klassenzimmer nebenan gehört. „Mein kleiner Bruder ist gestorben. Seither sind meine Noten immer schlechter.“ Manuel (16) muss nichts nachholen, sondern befasst sich mit dem aktuellen Stoff. „Ich fehle selten und lerne gern“, sagt der Mukoviszidose-Patient selbstbewusst. „Bloß ist die Zeit dafür oft knapp, weil ich dauernd Therapie habe.“

Die Lehrkräfte gehen von Schreibtisch zu Schreibtisch, helfen hier beim Satz des Pythagoras, dort bei Grammatik, sie springen nicht nur minütlich von Fach zu Fach, sondern wandern mit unterschiedlichen Lehrbüchern von einem Bundesland ins andere. Zwischen 40 und 50 Schülerinnen und Schüler werden pro Rehabilitation unterrichtet, ist von Lucia Bischof zu erfahren, im zehnten Jahr Lehrerin in Tannheim und seit sieben Jahren Leiterin der Klinikschule. „Wir liefern individuelle und verzahnte Hilfestellung,“ fasst sie die Aufgabe des Kollegiums zusammen, das von Sonderschulpädagogik bis zur gymnasialen Oberstufe alle Schularten abdeckt. Von den Lehrkräften werde außer Fachwissen viel Feingefühl und Flexibilität erwartet. In vierwöchentlichem Rhythmus müssen sie sich auf immer neue junge Persönlichkeiten einstellen und Beziehungen zu ihnen aufbauen, müssen zuvor Lernziele mit der Heimatschule abstimmen, dann Erfolge dokumentieren, Empfehlungen formulieren.

Auch Lucia Bischof beobachtet, dass die Patienten zunehmend belasteter und geschwächter nach Tannheim anreisen. „Viele kommen sehr bald nach einer OP und waren monatelang nicht in ihrer Klasse, müssen eventuell das Schuljahr wiederholen, sich erst wieder ins Lernen hineinfinden und motiviert werden.“ Für jeden Tag wird das Lernpensum definiert, das Hauptaugenmerk liegt auf den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Fremdsprachen. Vier Vormittagsstunden sind Pflicht bei den älteren, zwei Stunden bei den jüngeren Schülern, nach dem Mittagessen ist eine Stunde für individuelles Lernen und Vertiefen reserviert. Obligat sind Aufnahmegespräche mit den Familien, die auch während einer Reha beraten werden, etwa zu weitergehender Förderung durch ergänzenden Hausunterricht daheim.

Die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler wird regelmäßig im Kollegium und zusammen mit den psycho-sozialen und medizinischen Teams reflektiert. Thema bei älteren Schülern und jungen Erwachsenen ist zudem berufliche Orientierung. Manche Berufswünsche sind aufgrund der chronischen Erkrankung tabu, „dann versuchen wir, andere Stärken und Talente zu entdecken.“

Das Kollegium knüpft und vermittelt auch Kontakte zu den Beratungsstellen daheim, ebenso zu den Experten der jeweiligen Arbeits-Agentur, protokolliert Fortschritte in allen Fächern und deutet im Abschlussbericht mögliche schulische Perspektiven an. „Wir arbeiten im Gesamtgeflecht der Bedürftigkeiten.“

Das Lernklima in Tannheim sei konzentriert und intensiv, nach gelegentlichen Startschwierigkeiten seien die Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich gut motiviert. „Schule ist ein wichtiges Sozialsystem“, sagt Lucia Bischof. „Die Rückkehr dorthin bedeutet Rückkehr in die Normalität.“

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