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Baden-Württemberg Meersburger Jugendliche beteiligen sich an U-18-Wahlen

Die Aktion soll politisches Interesse wecken, trägt zur politischen Bildung bei und macht den Schülern Spaß

Vor dem Wahllokal ist etwas los: es wird gekichert, gelacht, man drängelt und plaudert. Von Politikverdrossenheit oder Parteienmüdigkeit ist hier, bei der U-18-Wahl, nichts zu spüren. Das Projekt U-18-Wahl zielt auf die politische Bildung, gelacht werden darf trotzdem. Initiatorin in Meersburg ist Andrea Lebek, Schulsozialarbeiterin an der Sommertalschule. Bundesweit durften sich Schulen oder Jugendorganisationen melden, um ein Wahllokal am Freitag, 13. September, einzurichten. In Meersburg ist es die Musikschule. Landesweit wurden mehr als 200 Wahllokale eingerichtet, so Udo Wenzel vom Landesjugendring. Simuliert wird die Bundestagswahl, wahlberechtigt sind alle, die jünger als 18 Jahre alt sind.

Bis kurz nach 10 Uhr haben bereits 83 Schüler ihre Stimme abgegeben, sie kommen von der Sommertalschule und vom Droste-Hülshoff-Gymnasium. Marcel Kikaj, der die neunte Klasse der Sommertalschule besucht, nimmt seinen Job als Wahlhelfer sehr ernst. Er führt eine Strichliste und gibt die Stimmzettel aus. „Es ist interessant zu sehen, welche Partei am meisten gewählt wird.“ Auch inhaltlich interessiert er sich für die Wahlen: Bildung und Ausbildung, Natur und Steuern – das seien Themen, die ihn umtreiben. Was die Steuern betreffe, gebe es Unterschiede zwischen den Parteien. „Ich will später nicht zu viele Steuern zahlen“, argumentiert der 14-Jährige konsequent. Wenn man an der U-18-Wahl teilgenommen habe, wisse man, was beim Wählen auf einen zukomme.

Den Jugendlichen ist jedoch nicht nur der Bildungsaspekt wichtig. Die U-18-Wahl kann auch Politikern wichtige Signale liefern. „Es ist gut, wenn die Parteien sehen, was den Jugendlichen wichtig ist“, findet Luca Morawetz. Dem stimmt auch Marcel Kikaj zu: „Für die Erwachsenen kann es interessant sein zu sehen, wie Kinder Politik sehen.“ Tatsächlich dürften Parteien Interesse an Ergebnissen der U-18-Wahlen haben. Auch manche Parteijugendorganisation hatte im Vorfeld Interesse an der Organisation eines Wahllokals angemeldet. Das schließen die Regeln, die das Kinderhilfswerk als bundesweiter Organisator aufgestellt hat, jedoch aus.

Selbstbewusst geht Florian Böttcher aus der neunten Klasse des Droste-Hülshoff-Gymnasiums mit seiner Rolle als künftiger Wähler um: „Es ist gut, dass wir auch mal wählen dürfen. Wenn meine Eltern wählen, gehe ich mit – schließlich entscheiden wir bald über die Zukunft mit.“ Er habe die Grünen gewählt, zuvor habe er einen Test mit dem Wahlomat gemacht, 80 Prozent seiner Positionen stimmten mit den Grünen überein. Hans Butzmann hatte es schwieriger: Beim Wahlomat kamen 30 Prozent Übereinstimmung mit den Piraten und ein ähnlicher Prozentsatz bei der SPD heraus. Sein Kreuz hat er bei den Piraten gesetzt: „Die haben gute Ansätze.“

Unkritisch gehen die Schüler übrigens mit dem Thema nicht um. Marcel Kikaj ist sich nicht sicher, ob es sinnvoll ist, wenn 16-Jährige bei Kommunalwahlen bereits ihr Kreuz – mit realer Wirkung – setzen dürfen: „So eine Partei hat viel Macht. Das sollten vielleicht doch Erwachsene entscheiden.“ Er fürchtet, dass manche Jugendliche sich nicht genügend mit den Inhalten der Parteien auseinandersetzen.

Andere nähern sich der Politik mit einem Augenzwinkern: „Ich habe ‚die Partei' gewählt, weil ich sie lustig finde“, sagt der 14-jährige Michael Best. Wählen mache Spaß – eine solche Einstellung dürfte Parteien aller Couleur für die Zukunft Hoffnung machen.

Nachmittags ist die U-18-Bundestagswahl in Meersburg abgeschlossen. Die Auszählung zeitigt spannende Ergebnisse. Insgesamt haben 352 Jugendliche gewählt. Die meisten Stimmen erhält die CDU mit 30,6 Prozent, es folgen die Grünen (21 Prozent), die Piraten (14,2 Prozent) und die SPD mit 10,8 Prozent. Über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen es die Tierschutzpartei (5,1 Prozent) und die Linke (5,6). Das würde – in die Realität übersetzt – die Koalitionsbildung nicht gerade vereinfachen. Den Parteien gibt es in jedem Fall Denkaufgaben auf den Weg in die Zukunft.

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