Mein
 

Baden-Württemberg Harry Potter in Tannheim

Südkurier-Spendenaktion für die Nachsorgeklinik Tannheim. Klinikclown Frank Stark bringt den Patienten und ihren Angehörigen ihr unbeschwertes Lachen zurück

Wie macht er das bloß? Gebannt starren die Kinder und Jugendlichen auf die Hände des Clowns, der mit flinken Fingern Karten mischt, Stapel bildet, abhebt und verschiebt. Und zielsicher exakt jene eine Karte herauszieht, die sein Gegenüber soeben verdeckt gezogen und an vermeintlich unerkennbarer Stelle hineingeschoben hat. Frank Stark heißt der (be)zaubernde Clown, der als Erlebnis- und Umweltpädagoge in der Nachsorgeklinik Tannheim arbeitet.

Auf dem Tisch liegen überdimensionale Karten zur clownesken Übertreibung, außerdem ein normales Kartenspiel und ein paar Gummiringe. Die Utensilien sind einfach, gehören zu jedem Haushalt. Die Zauberschüler sollen nicht extra in einen Laden gehen und schon gar nicht viel Geld ausgeben müssen, um die Tricks daheim üben zu können. Genau dazu will Frank Stark die jungen Patienten und ihre Geschwister anregen. Sie sollen seine Künste nicht konsumieren, sondern „Teil des Geschehens werden und in andere Welten vordringen“. Ein Hauch von Harry Potter weht durch Tannheim.

Auf Bühnen und mit Verkleidung nennt sich der Endvierziger Harry Zapp, um Rollen von der Privatperson zu trennen. Das wissen die Tannheimer Kinder natürlich und rufen ihn beim Künstlernamen, wenn sie Frank Stark auf den Fluren treffen und als Zauberer mit Zylinder und übergroßen Schuhen vom Vorabend erkennen. „Niemand rechnet im Klinikalltag mit Theater und Magie.“ Diesem Faszinosum erliegen auch Erwachsene, die ihre Sprösslinge bei kleinen Inszenierungen auf der Klinikbühne bewundern und in vergessene Gefühle ihrer Kindheit eintauchen.

Frank Stark ist nicht nur Klinikclown, Zauberer und Regisseur in Tannheim, er organisiert auch Fußballturniere und erlebnispädagogische Aktivitäten, Spezialitäten sind Klettern und Bogenschießen. Grenzen überwinden, loslassen können, Vertrauen erfahren, neue Talente entdecken, erfolgreich sein: So skizziert er die Ziele des gemeinsamen und stets fröhlichen Tuns. „Diese extrem belasteten Familien haben hier eine Auszeit, leben beschützt und werden umsorgt“, skizziert er die Parameter. „Fernsehen und Computerspiele verlieren aufgrund vielfältiger Alternativen an Bedeutung, der Handyempfang ist hier ohnehin schlecht. Das sind gute Voraussetzungen, sich auf Neues einzulassen.“

Knotentrick mit zwei Gummis

Das gilt erst recht für die spannenden Nachhilfestunden in Zauberei, wie ein Blick in die mal konzentrierten, mal strahlenden und vergnügten jungen Gesichter bei diesem nachmittäglichen Sondertraining unschwer verrät. Harry Zapp macht in Zeitlupe vor, was Tempo und geübtes Geschick zuvor verbargen, erklärt sein geheimnisvolles Hantieren Schritt für Schritt. „Ich hab's!“ ruft Janosch begeistert und demonstriert souverän einen undurchsichtigen Knotentrick mit zwei Gummis. Plötzlich platzt eines, die Runde bricht in schallendes Gelächter aus. „Diese Familien leben täglich in großer Anspannung“, kommentiert Frank Stark später. „Wieder unbeschwert lachen zu können, kann eine enorme Befreiung sein.

“Er war Deutschlands erster Klinikclown, tritt seit 1989 mit eigenen Bühnenprogrammen auf und macht Straßentheater, erfindet seit 1999 Spiele, mehr als 70 inzwischen. Manches wurde prämiert, das Brettspiel „Mücke mit Tücke“ zum Beispiel. „Ich möchte Menschen unterhalten, aber vor allem miteinander verbinden“, nennt er als zentralen Impetus. Besonders reizvoll und erfüllend sei diese Herausforderung in Tannheim, wo der Wahl-St.Georgener seit drei Jahren angestellt ist. Seine jüngsten Zauberlehrlinge und ebenso die Erwachsenen beschreibt er als zugängliche Klientel. „Nach langen Phasen voller Angst und Stress wollen sie auftanken, kreativ sein und saugen Neues auf wie ein Schwamm.“Schwieriger seien Jugendliche, die ihre Freizeit daheim wesentlich im Internet verbrächten. „Auch sie sollen Bestätigung finden und mit neuen Fähigkeiten Freunde und Familie verblüffen.“ Für manche sei es schwierig, ohne Smartphone in der Hand längere Zeit still zu sitzen, sich mit Theaterpuppen zu beschäftigen und ihnen Leben einzuhauchen.In jedem Menschen schlummert nach Starks Überzeugung ein kreativer Spieltrieb, der erweckt werden könne. Irgendwann lassen sich auch hartnäckige Computer-Freaks auf Experimente und neue Ich-Erfahrungen ein. Vielleicht bei einer Schneeschuhwanderung durch Tannheims Wälder in einer Vollmondnacht. Großartige gemeinschaftliche Naturerlebnisse seien garantiert. „Das macht etwas mit den Menschen.“

Regionale Produkte von Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein auf SÜDKURIER Inspirationen. Gleich Newsletter abonnieren und sparen!
Mehr zum Thema
Nachsorgeklinik in Tannheim: Die Nachsorgeklinik in der Ortschaft Tannheim bei Villingen-Schwenningen ist eine Einrichtung der deutschen Kinderkrebsnachsorge. Weitere Gesellschafter des Hauses sind die Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Förderkreise krebskranker Kinder e.V. und der Mukoviszidose-Bundesverband. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Nachsorgeklinik Tannheim.
Erlesene Bodenseeweine jetzt bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Stuttgart
Langenargen
Serie
Ludwigsburg
Baden-Württemberg
Lindau/Bregenz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren