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Freiburg Gerichtspsychiater über Fall Endingen: Ist der Täter hochintelligent?

Der Täter hat kaum Spuren hinterlassen und blieb lange unentdeckt: Gerichtspsychiater und Polizei haben verschiedene Mutmaßungen im Mordfall von Endingen. Die politische Debatte über die Nutzung von Maut-Daten geht weiter.

Der bekannte österreichische Gerichtspsychiater Reinhard Haller hält den mutmaßlichen Doppelmörder von Kufstein und Endingen für einen „überdurchschnittlich intelligenten Täter“ und für einen „Wolf im Schafspelz“. Das sagte Haller gegenüber der österreichischen Kronen Zeitung. Von der Sonderkommission „Erle“, die im Endinger Raum, aber auch darüber hinaus nach dem Mörder der 27-jährigen Carolin G. sucht, gab es dazu eher zurückhaltende Kommentare.

Die hohe Intelligenz des Täters leitet Haller daraus ab, dass er es „lange Zeit geschafft hat, völlig unentdeckt zu bleiben und kaum Spuren von sich an den Tatorten zu hinterlassen“. Erst in Laboren identifizierte DNA-Fragmente hatten den Ermittlern die Erkenntnis beschert, dass wohl derselbe Mann im Januar 2014 am Innufer in Kufstein die 20-jährige französische Studentin Lucile K. mit einer Eisenstange erschlug. Ähnlich starb am 6. November 2016 Carolin G. in Endingen, nachdem sie zuvor vergewaltigt worden war. Beide Taten wurden in Autobahnnähe und an Wochenenden verübt – sodass eine der Annahmen darin besteht, der gesuchte Sexualverbrecher könne ein Fernfahrer sein, der zuschlug, als er Ruhezeiten für den LKW-Verkehr beachten musste.

Reinhard Haller, der Gerichtspsychiater aus Österreich, vermutet in dem Täter einen Menschen, der nach außen ein „unauffälliges, geregeltes Dasein führt“, laut Haller vielleicht sogar „von seinem Umfeld als ein treusorgender Familienvater wahrgenommen wird“. Profiler Haller prophezeit, irgendwann werde der Gesuchte „damit beginnen, nach neuen Opfern zu suchen“.

Mit Haller steht die Endinger Sonderkommission „Erle“ nicht in Verbindung, sagte deren Sprecher Dietmar Ernst. Deshalb gibt’s auch keine Kommentierung seiner Aussagen. Ernst verweist darauf, zur Aufklärung des Endinger Falls seien Experten der „Abteilung Fallanalyse“ des Landeskriminalamts hinzugezogen. Die Profiler hätten natürlich auch bestimmte Annahmen, die sie aber nicht öffentlich kommunizieren, weil sie noch zu unsicher seien.

Die Kronen Zeitung will wissen, in beiden Fällen habe der Täter die Frauen zunächst mit einer Eisenstange niedergeschlagen, sie dann zu einer abgelegenen Stelle gezerrt und missbraucht, bevor er sie endgültig tötete. Dann habe er jeweils die Handys der Frauen an sich genommen. Dazu gibt es von südbadischer Polizeiseite nach wie vor keine Bestätigung – die Ermittler lassen weiter den Tathergang in Endingen offen, bis auf den Hinweis, möglicherweise sei die 27-Jährige wie das Opfer in Kufstein mit einer Eisenstange erschlagen worden. Sie äußern sich auch nicht zum Verbleib des Handys. Bei Lucile K. fehlten Handy und Handtasche – daher wurde in Österreich auch ein Raubmord erst nicht ausgeschlossen.

Angesprochen auf einen ähnlichen Fall an einem Sonntag in Südtirol im Jahr 1998 mit einem 18-jährigen Opfer sagte laut Kronen Zeitung der österreichische Landeskriminalamtschef Walter Pupp dieser Tage, ein Zusammenhang sei „durchaus möglich“. Dieses lange zurückliegende Verbrechen hat die Sonderkommission in Endingen bisher nicht auf dem Schirm – eine rückwärtige Überprüfung überlässt sie den österreichischen Kollegen, zu denen engste Verbindungen bestehen. Dietmar Ernst, Sprecher der Soko „Erle“, erzählt: „Die waren auch schon hier in Endingen.“

Nachdem bekannt wurde, dass die Polizei in Deutschland keine Maut-Daten nutzen darf, sieht das baden-württembergische Justizministerium gegenwärtig keinen Anlass zu einem Gesetzesvorstoß. Ministeriumssprecher Steffen Tanneberger verweist auf die Diskussion, die es bei der Einführung der Maut vor einigen Jahren gegeben habe. Damals sei man zu dem Ergebnis gekommen, zur Strafverfolgung auf die Nutzung von Maut-Daten zu verzichten, weil man andernfalls eine ganze Gruppe von Menschen unter Generalverdacht gestellt hätte. Hier sei dem Datenschutz Vorrang eingeräumt worden. Dies auch, weil eine generelle Nutzung von Maut-Daten zur Verunsicherung beitragen würde. Die politische Diskussion um den Zugriff auf Maut-Daten sei vorerst abgeschlossen. Anders liege dies bei der Ausweitung der Analyse von DNA-Spuren. „Hier hat es in der Zwischenzeit technische Fortschritte gegeben, die auch neue Möglichkeiten für die Strafverfolgung eröffnen. Darauf muss der Gesetzgeber reagieren.“ Zu dem Vorstoß des Justizministeriums um eine Ausweitung der DNA-Auswertung sagte Tanneberger, der Entwurf sei mit dem grünen Koalitionspartner abgestimmt. Am Freitag werde die Gesetzesinitiative im Bundesrat behandelt.

Dagegen hält der Lörracher Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU), der auch Mitglied im Innenausschuss ist, eine neue Diskussion um Maut-Daten für sinnvoll. „Der Endinger Mordfall belegt eindrücklich, wie wichtig es wäre, Maut-Daten zu nutzen,“ sagte Schuster auf Nachfrage des SÜDKURIER. Er schränkt jedoch ein, dass eine denkbare Gesetzesänderung ausschließlich die Verfolgung schwerster Straftaten berücksichtigen dürfe und damit die hohen Hürden des Datenschutzes beachten müsse. Schuster verweist auf die Mobilität auch Schwerstkrimineller, die heute „quer durch Europa reisen“.

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