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Baden-Württemberg Flüchtlinge: Jeden Tag ein neues Gerücht - was wirklich dahinter steckt

Kaum waren die ersten Flüchtlinge da, kursierten bereits wilde Meldungen. Die meisten sind leicht als Gerüchte zu entlarven, wenn man nur genauer hinsieht.

Mit den Flüchtlingen kamen die Schreckensmeldungen. Sie stehlen, heißt es. Sie fassen fremde Frauen unsittlich an , sind Parteigänger des IS-Terrors. So oder so ähnlich heißt es in manchen Kreisen. Eine Million Menschen – so die erste Bilanz – kamen 2015 aus Asien und Afrika nach Deutschland, um hier zu bleiben – und mit ihnen auch ein Sack an Gerüchten. Denn das meiste, was man sich über die Ausländer erzählt, ist halbwahr oder völlig unwahr. Es handelt sich in den meisten Fällen, die man prüft, schlicht um Gerüchte.

Dieser Klatsch ist oft geschickt zusammengerührt. Er klingt plausibel und jubelt dem Hörer etwas unter: Ja, so könnte das doch gewesen sein. So ist es. Aber wie war es wirklich?Journalisten von Zeitungen und Fernsehen gehen Gerüchten inzwischen gezielt nach. Sie wandern den Fluss aufwärts bis zur Quelle einer Aussage, um die Fakten zu überprüfen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Von „40 Gerüchten waren zwei wahr“, berichten zum Beispiel zwei Redakteure des Westfalenblattes aus Bielefeld.

Oder Meßstetten. Dort kursierte die Behauptung, ein Landwirt habe eines Morgens einen menschlichen Schädel beim Hof vorgefunden: aufgespießt auf einem Pfahl nach der Methode IS. Die blutige Story ging in der Kleinstadt herum, wurde vom Bäcker zum Metzger und von dort an die Vereine gereicht. Sie wurde geglaubt.

Ein Lokaljournalist ging dieser Meldung nach und tat, was bisher kein Meßstettener getan hatte: Er fragte den Bauern, auf dessen Grundstück das grausige Objekt angeblich lag. Der Mann verneinte. Der abgeschlagene Kopf ist ein Hirngespinst. Mehr nicht.

Auch diese Zeitung hat eine Adresse eingerichtet. Jeder kann seine Post einwerfen, der etwas gehört hat, das ihm fragwürdig erscheint. Die Zuschriften sind erstaunlich. Sie spiegeln die Bandbreite der Diskussion wider. Weitere Informationen zur Gerüchte-Adresse finden Sie am Ende des Artikels.

 

Den Ball flach halten?

Eine Leserin berichtet: „Die Discounter in Donaueschingen seien vonseiten der Stadtverwaltung angehalten, bei entdeckten Diebstählen durch Flüchtlinge, den Ball flach zu halten, die Diebe laufen zu lassen, die Polizei nicht einzuschalten und den Schaden an die Verwaltung zu melden. Von dort würden die Geschäfte finanziell entschädigt.“

Nachfrage bei der Stadt Donaueschingen. Arno Ruf, Sachgebietsleiter, sagt: „Das ist absoluter Blödsinn. Das kann die Stadtkasse gar nicht bezahlen“, da es nicht deren Aufgabe sei, für Ladendiebstähle von wem auch immer geradezustehen. Dieses Gerücht, so darf man ergänzen, ist ziemlich schlecht konstruiert.

Wahrscheinlicher scheinen die Behauptungen, dass Flüchtlinge junge Frauen vergewaltigten. Sind das nicht alleinstehende junge Männer? In Singen kursierte eine entsprechende Meldung im November. Recherchen dieser Zeitung ergaben: An dem vermeintlichen Vorfall (sechs Männer gegen eine 19-jährige Putzfrau) ist nichts dran. „Es ist erstunken und erlogen“, stand im SÜDKURIER in der Ausgabe vom 2. Dezember, der zuvor alle verfügbaren Stellen befragt hatte. Resultat negativ.

Ein Leser vom Hochrhein schreibt unter anderem: „Außerdem hört man, dass immer wieder Einrichtungsgegenstände verschwinden und dass es zu Sachbeschädigungen kommt, die von Handwerkern gerichtet werden müssen … Man hat das Gefühl, dass Probleme heruntergespielt werden.“Der Eindruck ist zutreffend. Über kaputte Duschen und verdreckte Küchen wird häufig berichtet. Das wird aber nicht „heruntergespielt“, sondern referiert einen Zustand, an den man sich gewöhnt hat.

Die sanitären Anlagen wirken nach wenigen Tagen Benutzung unappetitlich, wird aus vielen Unterkünften bestätigt. Wenn man diese Mängel beschreibt, sollte man auch erklären: Die Zuwanderer kommen aus fremden Kulturen mit anderen Standards.Auch deshalb gibt manche Gemeinde Leitfäden heraus, in denen der deutsche Anspruch auf Sauberkeit erklärt wird. Integration beginnt bei der Kehrwoche. Zum Zweiten: Hier wohnen Menschen auf engem Raum. Ein Landschulheim sieht nach einer Woche mit Neuntklässlern auch anders aus.Trübe Gewässer speisen sich aus trüben Quellen.

Gerüchte werden teils unbedarft in die Welt gesetzt. Das Singener Gerücht mit der Vergewaltigten hat dagegen einen politischen Hintergrund. Ein Kenner der Szene, der ungenannt bleiben will, macht dafür die rechtsstehende Bewegung „Der Dritte Weg“ namhaft. Sie steht der NPD nahe und versucht, auf diesem Weg Wasser auf ihre braunen Mühlen zu lenken.

Verschwiegene Siegel

Ziemlich abwegig ist eine Story, die in Konstanz kursierte. In der Zuschrift heißt es wörtlich: „Jemand hat mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, dass ihm jemand unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hat, dass am 13. November Jubel unter den Flüchtlingen in der Zeppelinhalle aufgebraust sei, als die Terroranschläge in Paris bekannt wurden. Man dürfe nicht darüber reden, und der Südkurier dürfe nicht darüber schreiben.“ Beide Aussagen sind daneben: Den Jubel kann niemand bestätigen, und: Diese Zeitung hat keinen Maulkorb und braucht auch keinen. Sie berichtet Tatsachen und überlässt die Märchen dem Kino – oder semi-professionellen Demagogen.

Eines ist freilich auch klar: Der beste Weg, um Böses wie Falsches zu vermeiden, ist Offenheit. Wenn Flüchtlinge etwas Kriminelles tun, sollte dies von der Polizei auch mitgeteilt werden. In diesem Punkt sind die südbadischen Stellschrauben nicht gut justiert. Die meisten Polizeisprecher drehen und winden sich und verweisen am liebsten auf die nächste Dienststelle. Dabei hat der Ombudsmann der Landesregierung, Karl-Heinz Wolfsturm, Transparenz empfohlen. „Sonst gießen wir Wasser auf die Mühlen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Mann weiß, wovon er spricht: Wolfsturm, 62, war früher selbst Polizist in leitender Stellung.

Gerüchte, aus und vom Menschen gemacht. Grafik "Gerücht" von Paul Weber.
Gerüchte, aus und vom Menschen gemacht. Grafik "Gerücht" von Paul Weber.

Wahr oder unwahr?

Immer wieder verbreiten sich Geschichten über Flüchtlinge. Nicht selten entpuppen sie sich als Gerüchte.
Gerüchte sind fast so alt wie die Menschheit. In der römischen Mythologie war dafür eine eigene Göttin zuständig - Fama. Sie wird mit einer Trompete dargestellt, weil sie alles, was sie weiß, lautstark hinausbläst.

Eine eindrucksvolle Darstellung von Klatsch und bösem Tratsch schuf der Grafiker Paul Weber(1943): Seine Grafik "Gerücht" zeigt eine riesige Schlange mit menschlichen Augen, die sich durch Häuserschluchten windet. Aus unzähligen Fenstern beugen sich Menschen und stürzen sich auf die Neuigkeiten der Schlange (Bild: Paul Weber-Museum in Ratzeburg). Geschichten über Flüchtlinge werden häufig und gerne verbreitet. Manche entsprechen den Tatsachen, viele auch nicht. Sie entpuppen sich als falsch, sobald man ihnen nachgeht. Schicken Sie uns solche Vorfälle, die Ihnen vom Hörensagen bekannt sind oder die Ihnen zugetragen werden.

Schicken Sie uns Geschichten, wir prüfen sie auf Wahrheitsgehalt. fluechtlinge@suedkurier.de

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