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Radolfzell Erst grün, dann grau: Umweltschützer rügen Flächenverbrauch

Die beiden großen Naturschutzverbände im Land schlagen Alarm: Nabu und Bund (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) bezeichnen den aktuellen Flächenverbrauch in Baden-Württemberg als hochgradig schädlich für die Zukunft.

5,2 Hektar würden allein im Land täglich überbaut, betoniert oder mit Asphalt überzogen, kritisieren die beiden Verbände am Rand der 41. Naturschutztage in Radolfzell. 2025 haben sich die beiden Umweltverbände ein hohes Ziel gesetzt: Bis dahin soll eine Netto-Null erreicht werden, was bedeutet, dass Grünflächen oder Wälder nicht mehr angetastet werden.

Der Weg dorthin ist noch weit und beschwerlich, deuteten Johannes Enss-le als Nabu-Landesvorsitzender und Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesgeschäftsführerin beim Bund, bei ihrer Pressekonferenz an. Der Druck auf die Gemeinden, Bauland oder Gewerbeflächen auszuweiten, sei enorm. Dabei wachse die Bevölkerung in Deutschland nicht, argumentieren Nabu und Bund. Man könne den „Flächenfraß“, von dem die beiden Verbände sprechen, aufhalten, indem man bereits bebaute Flächen schlauer nütze.

Zwei Verbände, ein Ziel: Nabu-Landesvorsitzender Johannes Enssle und Bund-Geschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch prangern den hohen Flächenverbrauch in Baden-Württemberg an. <em>Bild: Angela Koch </em>
Zwei Verbände, ein Ziel: Nabu-Landesvorsitzender Johannes Enssle und Bund-Geschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch prangern den hohen Flächenverbrauch in Baden-Württemberg an. Bild: Angela Koch | Bild: angela koch

Ein Haus, ein Bewohner

Enssle verwies auf viele Einfamilienhäuser, die von einem oder zwei Menschen bewohnt würden, oder auf brachliegende industrielle Flächen. Bevor frisches Land zugebaut wird, müssten erst vorhandene Komplexe neu genutzt werden. Das gelte besonders für die einsamen Altstädte, in denen die zwei Umweltorganisationen manchen Leerstand ausmachen. „Vor diesem Hintergrund ist klar: Es darf definitiv nicht einfacher werden, Freiflächen zu verbauen,“ sagte Pilarsky-Grosch.

Genau diese Gefahr sehen die Umweltschützer inzwischen vermehrt heraufziehen. Die seit Frühjahr 2016 neu geschichtete Regierung in Stuttgart habe die Koordinaten für manches ökologische Anliegen verändert. Die Zuständigkeit für Bauen und Planen liege nun nicht mehr im Verkehrsministerium, das von Winfried Hermann (Grüne) geleitet wird. Im Zuge der grün-schwarzen Koalitionsabstimmung wanderte die Zuständigkeit vielmehr ins Wirtschaftsministerium. Deren Chefin ist die CDU-Politikerin Nicole Hoffmeister-Kraut, deren Anliegen naturgemäß in der Förderung der Wirtschaft liegt und nicht in den Belangen der Umwelt. Wachstum zähle dann mehr als Nachhaltigkeit.

Einhellige Kritik äußerten die Verbände am Landwirtschaftsminister. „Ich fürchte, dass viele Projekte aus der grün-roten Zeit zurückgedreht werden“, sagte Sylvia Pilarsky-Grosch. Minister Peter Hauk (CDU) lasse sie zappeln, es sei schwer, in seinem Haus Gehör zu finden. Ihrem Eindruck zufolge sei Hauk deutlich ein Vertreter wirtschaftlicher Interessen; die Belange der Umwelt seien für ihn dagegen nachgeordnet. Das zeige sich auch bei der Genehmigung von großen Betrieben für die Schweinemast. Peter Hauk sehe sich vor allem als Vertreter der ökonomischen Interessen, denen dann alle anderen Gesichtspunkte untergeordnet würden.

Naturschutztage

Die Naturschutztage in Radolfzell gelten inzwischen als wichtigste Veranstaltung dieser Art in Deutschland. Die mittlerweile viertägige Versammlung bietet ein breites Spektrum ökologischen Handelns und Denkens in Seminaren, Vorträgen und praktischen Anleitungen. Es reicht vom Anlegen einer Magerwiese bis zu Städteplanung und Umweltaktien. 600 Dauergäste wurden dieses Jahr verzeichnet, dazu kamen zahlreiche Tagesbesucher. (uli)

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