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Baden-Württemberg Der schwere Abschied

Familie Hänel trauert um die elfjährige Marie. SÜDKURIER-Aktion für Nachsorgeklinik Tannheim.

„Ich will hier nicht mehr weg!“ Karl Hänel (15) kann sich mit dem bevorstehenden Abschied von Tannheim nicht anfreunden, tut sich schwer mit der Vorfreude auf das Weihnachtsfest daheim: Das ist Zossen, eine kleine Gemeinde in Brandenburg unweit von Berlin. Das erste Weihnachten ohne seine kleine Schwester Marie ist kaum vorstellbar. „Sie wird bei uns sein“, verspricht Kay-Uwe Hänel. Seine Tochter starb am 16. Januar 2014 um 21.42 Uhr im Alter von elf Jahren. Bis kurz vor Weihnachten absolvieren Vater und Sohn in der familienorientierten Nachsorgeklinik eine Rehabilitation für trauernde Familien.

Seit dreieinhalb Jahren ist Kay-Uwe Hänel alleinerziehend, beschreibt den Kontakt zur Mutter der gemeinsamen Kinder als gut, die Beziehungen untereinander als stabil. Seine Ex-Frau begleitete die Tochter auch in der letzten Lebensphase, konnte am eigenen Geburtstag Abschied von ihr nehmen, am Tag vor ihrem Tod. Marie starb daheim, umgeben vom vertrauten Pflegeteam und von Vater und Bruder, dessen Hand sie bis zum letzten Atemzug umfasste. „Sie war ganz friedlich“, sagt Karl, überzeugt davon, „dass Marie jetzt im Himmel ist und auf uns aufpasst“. Der Vater ist dankbar für diese Erklärung und versucht, sie zu teilen, ist dankbar auch für die Möglichkeit, bis zuletzt an Maries Seite gewesen sein zu dürfen.

„Viele hier konnten das nicht“, hat er in Gesprächen mit anderen verwaisten Eltern erfahren, die ihre Kinder plötzlich nach Operationen verloren und allein nicht fertig werden mit der „verkehrten Reihenfolge beim Sterben“. Er selbst sei fast am Tod der Tochter zerbrochen, sei „auf Arbeit umgefallen mit einem Blutdruck von 230“. Der Körper habe gestreikt, „psychosomatische Belastungsstörung“ hätten die Ärzte attestiert und eine Reha in Tannheim empfohlen. „Das war unser Glück“, resümiert Kay-Uwe Hänel und bezieht Karl mit ein, der 28 Fehltage in der Schule und Konzentrationsprobleme hatte und sich sozial isolierte.

In Tannheim konnten beide von den traumatischen Erlebnissen erzählen, in therapeutischen Gesprächen und ebenso innerhalb ihrer Gruppen; jeweils acht verwaiste Familien werden pro Reha-Einheit in Tannheim betreut. Im geschützten und getrennten Austausch mit anderen trauernden Eltern und Geschwistern konnten Vater und Sohn Hänel über das Ringen um Maries Leben reden und ihre Bereitschaft zum Gehen beschreiben.

Das Mädchen starb an dem seltenen „Keimzellentumor“, an dem bundesweit jährlich nur rund 60 Kinder erkranken, die meisten von ihnen sind jünger als drei Jahre. Der Krebs ist meist nicht heilbar, „Marie hatte Pech in jeder Beziehung“.

Maries Martyrium

Die entarteten Stammzellen begannen ihr unheilvolles Wachstum in den Eierstöcken, wo sie sich zu Größe eines Hühnereis aufblähten. Bis zur Diagnose hatten die selbstzerstörerischen Zellen gewaltige Metastasen in Maries Leber gebildet, die sich mit rätselhaftem Beutel aus dem Bauch nach außen wölbten. Dieses Phänomen war der Anlass für eine genaue Untersuchung in der Kinder-Onkologie der Berliner Charité gewesen. Kurz danach begannen schlimme Schmerzen mit Blutungen im Bauchraum, gefolgt von zweimaliger Leber-Biopsie, um den Krebs zu identifizieren, Wasser überflutete die Lunge, Drainagen wurden gelegt, eine stationäre Chemotherapie angeordnet.„Wir erlebten diese Zeit wie im Trance“, sagt der Vater, der krankgeschrieben war, um an der Seite der Tochter sein zu können und den Sohn nicht zu vernachlässigen. Anfangs schien die Therapie erfolgreich, doch schnell wurden die Tumorzellen resistent gegen die chemische Keule. „Sie hat keine Chance mehr“, teilten die Ärzte ihre Kapitulation am 14. Dezember 2013 mit. Bis Weihnachten hielt das tapfere Mädchen durch, die Schmerzen wurden durch Morphium gebändigt. „Sie wusste, dass sie gehen muss“, sagt der Vater. Die Tochter habe über ihren bevorstehenden Tod sprechen wollen. „Sie hatte Angst, dass wir uns vor Kummer vor einen Zug schmeißen.“ Marie habe entschieden, welche Freundin ihre Plüschtiere bekommt und welche sich ihre Gitarre ausleihen darf.Am Morgen ihres Todestags habe sie sich über das „helle, blaue Licht“ hinter dem Fenster gewundert. „Ich konnte sie nicht beschützen“, sagt ihr Bruder. „Aber jetzt ist sie unser Schutzengel.“ Eigentlich war die Tannheimer Zeit als Nachsorge zusammen mit Marie geplant gewesen. Dankenswerterweise habe der Kostenträger die Umwandlung in eine Verwaisten-Reha genehmigt, sagt der Vater. „Das hat uns aus der Verzweiflung gerettet.“

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