Mein

Baden-Württemberg Am Hochrhein Debatte um Zukunft der Spitäler

Ein Gutachten sieht für die kommunalen Krankenhäuser Waldshut und Bad Säckingen am Hochrhein keine Zukunft. Überlegungen, die Spitäler zu schließen und durch einen zentralen Neubau zu ersetzen, werden kontrovers und teils emotional diskutiert.

Der Hausarzt Christoph von Ascheraden aus St. Blasien, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, schilderte in drastischen Worten seinen Befund: „Das ist ein Eingriff am offenen Herzen der Gesundheitsversorgung im Landkreis Waldshut.“ Bei seiner Stellungnahme auf einer Bürgerversammlung in Waldshut ließ der Mediziner aber auch keinen Zweifel daran, dass über neue Strukturen nachgedacht werden müsse. Es geht um eine Frage, die kontrovers und bisweilen hoch emotional diskutiert wird: Sollen die kommunalen Krankenhäuser in Waldshut und Bad Säckingen geschlossen und an einem zentralen Standort zu einem neuen größeren Klinikum fusioniert werden?

Die bestehenden Häuser gehören der Spitäler Hochrhein GmbH. Waldshut-Tiengens Oberbürgermeister Martin Albers, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung, hat klargemacht: Die Chefärzte beider Spitäler plädieren für einen Neubau, und auf ihre Initiative wurde ein Fachgutachten erstellt. Dessen Analyse ist eindeutig: Angesichts des Kostendrucks im Gesundheitswesen hätten die kleinen Spitäler keine Zukunft. Während in Waldshut noch Gewinne erwirtschaftet werden, ist das Krankenhaus Bad Säckingen bereits seit Jahren chronisch defizitär. Ein neues zentrales Krankenhaus, so das Gutachten, könnte 700 Betten haben und würde rund 117 Millionen Euro kosten. Die Investition, so rechnen die Experten vor, könne durch den verbesserten Ertrag erwirtschaftet werden.

Doch den Zahlen stehen Gefühle gegenüber. Seit die Studie durch Veröffentlichungen dieser Zeitung schon frühzeitig bekannt wurde, tobt eine heftige Debatte. Die ist allerdings ungleichmäßig verteilt: Es ist der westliche Landkreis mit Bad Säckingen, wo offenbar besondere Befindlichkeiten berührt werden und die Emotionen hochkochen. Das wurde nicht zuletzt deutlich bei den zwei Bürgerversammlungen, die zur Klinik-Zukunft von der Spitäler-Gesellschaft veranstaltet wurden. In Bad Säckingen, wo sich mittlerweile auch schon eine Bürgerinitiative zur Erhaltung des Spitals formiert hat, kamen 400 Besucher. Ehemalige Ärzte aus der Kurstadt übten in der Versammlung heftige Kritik an dem Gutachten und den Fusions-Überlegungen. Ein anderes Bild zeigte sich in Waldshut-Tiengen. Hier wurden gerade mal 100 Teilnehmer gezählt. Es gab durchaus kritische Nachfragen, aber keinen Protest von Bürgern der Großen Kreisstadt.

Wie sind die unterschiedlichen Reaktionen zu erklären? Waldshut-Tiengens Oberbürgermeister Albers, auch Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, versuchte sich in einer Analyse und blickte über 40 Jahre zurück auf die Landkreisreform. Die stärkte Waldshut als Behördenstandort, während Bad Säckingen Ämter abgeben musste. Martin Albers: „Diese Verluste vergisst man nicht.“

Den Aspekt der wohnortnahen Versorgung sieht der OB als zweitrangig an: Anders als vielfach behauptet, würden Patienten durchaus weitere Wege akzeptieren, wenn bei einer Klinik die Leistungen stimmen. Eine Online-Umfrage von suedkurier.de am Hochrhein hat versucht, das Meinungsbild in der Bevölkerung zu sondieren. Ergebnis: Bei einer Abgabe von insgesamt 1573 Stimmen wurde mit fast 55 Prozent mehrheitlich für ein neues zentrales Krankenhaus votiert. Die Proteste gegen eine Fusion sind letztendlich auch in Bad Säckingen bislang überschaubar geblieben. Als die Bürgerinitiative zu einer Demonstration aufrief, gingen in der mit Ortsteilen rund 16 000 Einwohner zählenden Kurstadt 300 Menschen auf die Straße. Die Entscheidung über die Zukunft der Spitäler wird vom Kreistag und dem Gemeinderat Waldshut-Tiengen über deren Vertreter in der Gesellschafterversammlung getroffen. Bereits gegen mögliche Schließungen positioniert hat sich die SPD-Fraktion des Kreistags, die dort allerdings lediglich acht von 47 Sitzen stellt. Auch die CDU-Fraktion im Gemeinderat Bad Säckingen fordert den Erhalt des Spitalstandorts in der Kurstadt.

Mit seiner Spital-Debatte steht der Kreis Waldshut nicht allein. Im westlichen Nachbarlandkreis steht die Zukunft der drei Krankenhäuser von Lörrach, Rheinfelden und Schopfheim zur Diskussion. Auch dort werden Schließungen und ein zentraler Standort diskutiert. Schon gelöst hat ihr Spitalproblem die Doppelstadt Villingen-Schwenningen. Zwischen beiden Orten ist im Jahr 2013 das zentrale Schwarzwald-Baar-Klinikum mit 1000 Betten eröffnet worden. Im Kreis Waldshut ergriffen die Verantwortlichen jetzt erst einmal eine Maßnahme, wie sie in der Medizin bei schwierigen Fällen üblich ist: Eine Zweitmeinung muss her, ein weiteres Gutachten wurde bestellt.

Erleben Sie den Komfort von SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2 ab 19,90 € monatlich.
Mehr zum Thema
Gibt es am Hochrhein bald ein Zentralkrankenhaus?: Kaum eine Frage wird am Hochrhein aktuell so emotional diskutiert wie die politische Idee, am Hochrhein ein neues Zentralkrankenhaus zu bauen. SÜDKURIER Online hat alle Artikel für Sie zusammengestellt.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Sindelfingen/Schwetzingen
Endingen/Regensburg
Stuttgart
Baden-Württemberg
Schwetzingen
Baden-Württemberg
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017