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Baden-Württemberg „Ohne Respekt kein Frieden“

Fast alle Religionen vertreten das Ideal des Friedens. Dennoch sind oder waren sie Träger von Gewalt. Doch warum? Ein Gespräch mit dem Ägyptologen Jan Assmann

Herr Professor Assmann, sind Buddhisten friedlicher als Muslime?

Mit Buddha verbinden wir ein philosophisches Verhältnis zur Welt. Der strikte Buddhismus hat keinen Gottesbegriff. Die Erlösung findet in ein absolutes Nichts hinein statt. Das erscheint uns eher kontemplativ. Dazu kommt das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Man tut keiner Mücke etwas zuleide – wie bei den Sikhs und anderen indischen Religionen. Das markiert einen Unterschied zu dem, was uns von Fundamentalisten entgegenschlägt.

Sie befassen sich in Ihren Forschungen zentral mit einer Frage: Welcher Zusammenhang spannt sich zwischen Religion und Gewalt? Dabei spielt Mose eine große Rolle.

Mein Nachdenken über Religion begann mit altägyptischen Hymnen. Diese haben mich auf die Spur gesetzt. Mose ist für mich wichtig, weil er die Symbol- und Erinnerungsfigur für den Auszug aus Ägypten ist als dem Inbegriff dessen, was später als Heidentum verteufelt wurde. Für diesen Exodus steht Mose: Er hat ihn auf Gottes Geheiß angeführt.

Der Gott der Juden ist Jahwe. Er ist nicht immer gnädig, er kann auch anders.

Ja, weil er unverfügbar und unsichtbar ist. .

Warum dürfen Juden ihn nicht darstellen?

Man versteht das nur aus dieser Zeit heraus. Bei anderen Völkern wie den Babyloniern oder Ägyptern waren die Götter in Form von Bildern und Statuen ansprechbar. Diese Bilder waren das Medium, über das man mit den Göttern in Kontakt treten konnte. Genau das verbietet der biblische Gott. Dieser eine Gott sollte nicht in Bildern fixiert und damit gefangen sein.

Auch der Islam verbietet die Gottesdarstellung. Außer Allah darf auch Mohammed unter keinen Umständen gezeigt werden.

Der Islam ist aus dem Judentum herausgewachsen und verschärft den ikonoklastischen Impuls noch einmal, um Gott aus jeder innerweltlichen Bindung zu emanzipieren. Deshalb lehnen Muslime auch die christliche Vorstellung eines dreifaltigen Gottes – also Vater, Sohn und Heiliger Geist - ab. Für Muslime ist das reiner Polytheismus. Trinität ist für den Islam eine Vielgötterei, die nicht akzeptabel ist.

Kommt mit dem Ein-Gott-Glauben die Intoleranz in die Welt?

Ja. Das Gebot „Du darfst keine anderen Götter haben neben mir“ fördert Intoleranz. Denn wenn ich fremde Götter meide, dann meide ich auch Menschen, die den anderen Göttern anhängen. Schon ziehe ich Grenzen. Die Juden haben im Alten Testament ihre kanaanäischen Nachbarn sorgsam gemieden: Kein Kontakt, keine Verträge, keine Heirat.

An welchen Gestalten sehen Sie das?

Es gibt zwei große Auswanderer in der biblischen Geschichte: Der eine ist Mose, der andere heißt Abraham. Mit dem schloss Gott einen Bund und forderte als einziges Gebot, dass er alle Männer seines Haushalts beschnitt.

Die Beschneidung ist ein hochaktuelles Thema. Würden Sie sie lieber verbieten?

Nein. Dieser Ritus ist ein Zeichen religiöser Identität, das (im Gegensatz zur Mädchenbeschneidung) keine körperliche Verstümmelung darstellt. Für orthodoxe Juden ist es so zentral, dass es eine Art von kultureller Gewalt wäre, den Juden die Beschneidung zu verbieten.

Drei Monotheismen zählen wir: Christentum und Judentum, diese beiden sind nach langer Gewaltgeschichte gebändigt. Und der Islam, der eine wachsende Zahl aggressiver Anhänger in seinen Reihen hat.

Dem Islam fehlt die Entpolitisierung. Das Judentum hat diesen Prozess bereits hinter sich. Am Anfang war es auch auf eine gewaltsame Umgestaltung der Welt ausgerichtet. Denken Sie an die Landnahme in Kanaan – ein Land, in dem bereits andere saßen, die Gott vor ihnen zu vertreiben versprach. Später haben die Juden gelernt, ihre religiösen Ideen von der Politik zu trennen. Das ist Messianismus: Der Messias kommt am Ende der Zeit, wenn alle Menschen sich zur wahren Religion bekennen. Auch Jesus unterscheidet Religion und Politik, wenn er sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ und „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Das läuft auf eine Entpolitisierung hinaus.

Die Christen brauchten lange, um den friedlichen Kern ihres Credos zu erkennen.

Ja, der ging verloren, als das Christentum in der Spätantike zur Staatsreligion wurde. Ein besonderer Sündenfall.

… der schon Jahrhunderte zurückliegt.

Nicht so lange, wie Sie meinen. Denken Sie an Kanada oder Australien, wo den Ureinwohnern noch bis ins 20. Jahrhundert die Kinder genommen und in christliche Schulen gesteckt wurden. Um sie, wie man damals meinte, zu retten und ihre Seelen in den Himmel zu bringen. Wenn das keine Gewalt ist!

Hans Küng hat eine andere Idee – er nennt sie Weltethos. Die Religionen sollen direkt ins Gespräch kommen, schlägt er vor. Eine schöne Illusion?

Ja. Der Weg zum Zusammenleben der Religionen kann nicht von ihnen selbst kommen. Es müsste ein säkularer Weg sein: eine zivile Ordnung, an die sich die Religionen halten.

Trauen Sie den Religionen nicht zu, untereinander Frieden zu schaffen?

In der Tat. Sie wirken polarisierend. Der Islam hätte früher die Potenz dazu gehabt, sagen wir: im 12. oder 13. Jahrhundert. Aber heute nicht mehr. Natürlich werden interreligiöse Gespräche geführt, mehr als genug. Doch bedarf es einer übergeordneten Ebene. Die kann nur Sache einer weltlichen Weisheit sein. Fest steht auch: Es wird nie eine einheitliche Religion geben. Religion gibt es nur im Plural.

Wäre das Leben nicht einfacher, wenn es keine Religionen gäbe? Eine Handvoll menschlicher Regeln könnte genügen, wenn sie klug vereinbart und eingehalten werden?

(schmunzelt) Das ist eine paradoxe Idee, die mir auch durch den Kopf ging. Aber auf Religion können wir nicht verzichten.

Religionen lösen Probleme und werfen gleichzeitig neue auf.

Sie machen umso mehr Probleme, je näher sie einander kommen. In der Globalisierung sind wir aber zum Zusammenleben gezwungen. Diese neue, durchaus unfreiwillige Nähe müssen die Religionen aushalten, indem sie sich ein Stück weit zurücknehmen. Die Christen zum Beispiel müssen ihren Missionseifer beschränken. Und der Islam sollte den Wahn zügeln, er müsse die ganze Welt islamisieren.

Sehen sie auch christliche Problemgruppen?

Wir beobachten, dass apokalyptische Bewegungen stark zunehmen. Da gibt es z.B. die Adventisten, die täglich den Jüngsten Tag erwarten. Sie rechnen stündlich mit dem Weltende und sorgen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Wer das Weltgericht erwartet, dem teilt sich die Welt in Gut und Böse, in Freund und Feind. Das gilt besonders für den Koran, in dem ständig von Weltgericht und Gottesfeinden die Rede ist.

Wie erklären Sie den militanten Islam?

Ganz wichtig: Es gibt Islam und Islam. Der militante Islamismus ist ein postkoloniales Phänomen, das wir erst seit dem 18. Jahrhundert beobachten.

Als Reaktion auf die Ausbeutung ihrer Länder durch die Kolonialherren?

Ja. Amerikanische Bohrtürme und Militärpräsenz in Reichweite zu Mekka und Medina: Für Bin Laden war das eine „Entheiligung der heiligen Stätten“. Für die Verletzung religiöser Gefühle ist uns der Sinn abhanden gekommen.

Was heißt das für die Zukunft?

Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Gefühle anderer. Das gilt auch für das Mohammed-Video oder die dänischen Karikaturen vor einigen Jahren.

Sie würden also auf die Veröffentlichung von Islam-Satire verzichten?

Unbedingt. Das ist eine Frage der politischen Vernunft. Ohne Respekt vor dem, was anderen heilig ist, kann es kein friedliches Miteinander geben. Das aber haben wir in der globalisierten Welt mehr denn je nötig.

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