Hopp oder Topp
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Das Haus Baden braucht Geld. Und wie jeder Privatmensch, der knapp bei Kasse ist, gibt es für den Markgrafen mehrere Möglichkeiten: Er sucht sich einen Nebenjob oder er geht zur Bank. Adelshäuser, die im Laufe ihrer Geschichte unglaubliche Schätze und Immobilien anhäuften, verfügen über eine dritte Möglichkeit: Sie können ihren kostbaren Hausrat verkaufen. Viele haben dies getan. Der Fürst zu Fürstenberg regelmäßig. Welfen-Nachfahr Ernst August von Hannover versteigerte für 37 Millionen Euro das Inventar von Schloss Marienburg. Auch das Haus Baden will nicht zum ersten Mal Kunst und Kultur versilbern. Erst vor wenigen Jahren kam das Neue Schloss Baden-Baden unter den Hammer. Heute mühen sich kuwaitische Investoren mit dem Umbau zur Wellness-Oase für Betuchte.
Nun steht der Verkauf mittelalterlicher Handschriften an, die die Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe beherbergt - als einzigartige Dokumente der Landesgeschichte, was das Geschäft schwierig macht. Denn damit gehören sie eigentlich nicht mehr in die Privatschatulle des Markgrafen, sondern uns allen. Unbestritten ist es eine großartige Sammlung, die freilich nur in ihrer Gesamtheit den Kern unserer kulturellen Identität nachzeichnen kann. Einzelne Blätter, und seien sie noch so prächtig illustriert, können dieses kulturelle Gedächtnis nicht ersetzen. Sie sind dann nur mehr ästhetische Preziosen. Ein Teilverkauf wäre insofern Frevel.
Doch die Wahrung des Kulturerbes ist weniger denn je ein zentrales Anliegen des Staates. Wenn öffentliche Haushalte klamm sind, heißt die Manövriermasse Kultur. In Thüringen verkaufte die Klassik-Stiftung ihren Mörike-Bestand, um ein Adelshaus auszubezahlen. Ähnliches erwägt Krefeld. Man tut sich schwer mit dem Bewahren, wenn kein Geld da ist. Im Südwesten jammert man noch auf hohem Niveau, aber Anzeichen eines kulturpolitischen Ausverkaufs sind auch hier zu erkennen. Vor allem aber zeigten die Akteure wenig Sensibilität und Kunstverstand, als sie das Tauschgeschäft vorbereiteten. Schon Erwin Teufel wäre in der Pflicht gewesen, zu handeln. Er hinterließ den Erbstreit seinem Nachfolger. Der ist ein Managertyp, kein Kunsthistoriker. Das kann den fragwürdigen Handel etwas erklären, aber nicht ganz.
Das Haus Baden als geldgieriges Adelshaus abzutun, das feudale Privatinteressen pflegt, trifft es allerdings auch nicht. Der Markgraf, verwurzelt im Land und nah an den Leuten, hat viel versucht, seine Einnahmequellen zu mehren. Die landwirtschaftlichen Produkte, vor allem der Wein des Hauses wird gelobt. Zukäufe auch am Bodensee sollen mehr Ausstoß und mehr Gewinn bringen. Doch in der Landwirtschaft wird nicht gut verdient. Um solche Prachtbauten zu unterhalten, reicht es jedenfalls nicht. Ist es deshalb, überspitzt formuliert, nicht legitim, wenn Bernhard von Baden ein paar alte Bücher verscherbelt, die kaum einer sehen will, um damit die alte Schlossanlage zu halten?
Ist es nicht. Mit der Begründung, den Bestand zusammenhalten zu wollen, gab das Land früher viele Millionen für Ankäufe aus. Die Begründung ist auch heute noch richtig. Und spricht gegen den Verkauf der Handschriften. Doch Protest ist wohlfeil. Jeder, der sich nun empört, muss aufzeigen, welche Alternative es gibt. Früher hätte man das Land herangezogen, weil die Wahrung unseres Kulturerbes selbstverständlich eine öffentliche Angelegenheit ist. Nun ist kein Geld da, zumindest nicht so viel, dass das Land komplett einspringen könnte.
Die SPD will eine juristische Klärung der Eigentumsrechte. Was bringt das? Geht das Haus Baden in Insolvenz, weil es sich finanziell übernommen hat mit der Renovierung, bliebe die Schlossanlage Salem als kulturhistorisch einzigartiges Ensemble ohnehin in der Obhut des Staates. Mauern gegen Bücher: Im Streit um den Verkauf der Handschriften gibt es nur Ja oder Nein - fundamentale Kritik am Ausverkauf des Kulturerbes oder eine pragmatisch am Geldmangel orientierte Kompromissbereitschaft. Es ist zudem eine politische Entscheidung, eine Frage der Prioritäten. Denn gleichzeitig plant eben jene Abteilung im Staatsministerium, die den Handschriften-Deal ausgetüftelt hat, eine neue Theaterakademie im Raum Stuttgart aus 25 Millionen Euro Privatisierungserlösen. Alles für die lichte Zukunft. Da hat es die badische Vergangenheit schwer.