Leitartikel Schlimmes Schweigen
Die Nachricht über Robert Enkes Freitod hinterlässt tiefe Betroffenheit. Und Fragen. Viele Fragen. Enke litt unter Depressionen, wie gestern bekannt wurde. Und noch mehr litt er offensichtlich unter der Angst vor den Reaktionen, sollte seine Krankheit in der Öffentlichkeit bekannt werden. Seine Frau Teresa beschrieb eindrucksvoll, wie ihr Mann sich davor fürchtete.
In der Fußball-Bundesliga sind Depressionen ein Tabuthema. Genau wie in anderen Ligen oder anderen Sportarten auch. Profis müssen funktionieren. Immer und überall. Sie dienen Millionen von Fans als Vorbilder. Sie werden gefeiert, umjubelt, gelten im Idealfall als makellose Idole ohne Schwächen und Ängste. Wer gewinnt, ist ein Held der Moderne. Schwäche wird nicht geduldet.
Probleme passen nicht in das Bild der Stars und Sternchen. Wer sich outet, wird beschimpft, dem haftet ein Makel an. Die Zuschauer gehen in die Stadien, um ihre Emotionen auszuleben. In der Anonymität der Gruppe lassen sich unbescholtene Normalbürger zu wüsten Beschimpfungen hinreißen, die sie im Alltag selbst verurteilen würden.
Wo viele tausend Menschen zusammenkommen, ist diese Gruppendynamik zu beobachten. Enke fürchtete sich davor. In seiner Depression sah er keinen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen. Eine erschreckende Erkenntnis, die zur kritischen Selbstreflexion anregt.
Nicht nur Depressionen werden im Profisport totgeschwiegen. Schwule Fußballer? Nie gehört. Dabei sprechen die Protagonisten selbst hinter vorgehaltener Hand von einer hohen Dunkelziffer Homosexueller. Warum darf ein Fußballer nicht schwul sein, ein Außenminister oder ein Regierender Bürgermeister von Berlin schon? Schwulsein passt nicht zum öffentlichen Bild eines kämpfenden und rennenden Sportlers. Wäre der Bundesaußenminister ein Bundesligaaußenstürmer, hätte er sich mit Sicherheit nicht geoutet.
Das sind Probleme der Gesellschaft, nicht des Sports. Solange Menschen mit nur wenig anerkannten Neigungen oder Kranke nicht so akzeptiert werden wie andere, solange werden sie davor scheuen, mit ihren Problemen oder Vorlieben in die Öffentlichkeit zu gehen. Enke hatte darüber hinaus Angst, wegen seiner Krankheit das Sorgerecht für die im Mai mit seiner Frau adoptierte Tochter zu verlieren.
Der Freitod Robert Enkes wirft aber auch einen dunklen Schatten auf den Profisport im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen. Der Druck ist riesig, die Ablösesummen bewegen sich in schwindelerregenden Höhen und verleiten dadurch zu immensen Erwartungen. Die Bundesliga ist längst zu einem großen Rummelplatz geworden, auf dem alles perfekt funktionieren muss. Der Mensch bleibt nicht selten auf der Strecke.
Robert Enke hat sich nur seiner Frau und seinem Arzt anvertraut. Er versteckte sich hinter seiner Fassade und zeigte der Außenwelt das Bild eines funktionierenden Profis. Er ging davon aus, dass nur dieses Bild akzeptiert werden würde. Womöglich ändert sich in Zukunft mit dem Freitod des beliebten Torhüters etwas. Womöglich kehrt ein wenig mehr Menschlichkeit in die Szene ein. Vielleicht dürfen die Protagonisten irgendwann einmal Schwäche zeigen, ohne dafür Hohn und Spott zu ernten.
Diese Hoffnung hatten wir vor wenigen Jahren, als Sebastian Deisler auf einer Pressekonferenz von seinen Depressionen sprach und nach ein paar vergeblichen Anläufen seine Karriere schließlich beendete. Heute geht es ihm gut. Enke wählte den Weg der Verheimlichung, bis er keinen Ausweg mehr fand. Vielleicht helfen diese Beispiele Menschen mit ähnlichen Problemen, sich diesen zu stellen. Auch in der Öffentlichkeit. Und vielleicht lernt die Umwelt dann, damit umzugehen.