Leitartikel Das falsche Thema
Der Mann, der im Augenblick die Republik aufwühlt wie kein anderer, hat die Schraube überdreht: Seine Bemerkungen über die genetische Veranlagung von Völkern sind völlig daneben. Wer so argumentiert, stellt sich selbst ins Abseits.
Das ist ärgerlich, denn der ehemalige Berliner Finanzsenator wirft berechtigte Fragen auf. Sie treffen den Nerv einer Gesellschaft, die selbst nicht weiß, wer sie sein will, und daher seit Jahrzehnten an der Integration ihrer Minderheiten scheitert. Eine offene, ehrlich geführte Debatte darüber ist überfällig. Wer aber braucht eine Diskussion um die Frage, „ob alle Juden ein bestimmtes Gen teilen“, wie der 65-Jährige in einem Interview anmerkte? So wird das Thema verfehlt, die Debatte entgleitet.
Mit Merksätzen aus der Rassenlehre und den Mendelschen Gesetzen lassen sich die Probleme des Einwanderungslandes Deutschland nicht lösen. Der Sozialdemokrat Sarrazin hat seine Bemerkungen zwar umgehend relativiert und gerade gerückt. Seine These von der kollektiven Vererbbarkeit von Intelligenz schreit aber geradezu nach Beifall aus der falschen Ecke. Denn unter allen ansteckenden Geisteskrankheiten ist der Rassismus die gefährlichste. Nach Ansicht einiger Experten ist er die älteste und zugleich primitivste Ideologie der Welt. Sie sagt: Die anderen sind anders. Sie sehen anders aus und sind deshalb schlechter als wir.
Bis heute findet sich diese Einstellung in vielen Teilen der Welt. Sie verursacht unermessliches Leid und hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Afrika leidet bis heute unter dem Trauma von Kolonialismus und Sklavenhandel. Amerika hat zwar erstmals in seiner Geschichte einen schwarzen Präsidenten, doch unter der Oberfläche gärt der Rassenhass weiter. Hitler stellte den Rassenwahn ins Zentrum seiner Ideologie. Seine Pseudo-Biologen vermaßen Schädel und Ohrläppchen, um ihre Opfer dann ins Gas zu schicken. Unter seiner Herrschaft gedieh die widerlichste und infamste Form des Rassismus, der Antisemitismus. Viele Tabus der Gegenwart erklären sich aus einer Vergangenheit, die immer noch schmerzt.
Daher sollte sich vorsehen, wer wie Sarrazin über Völkergene und vererbte Intelligenz spricht. Rassisten glauben daran, dass es höher- und minderwertige Menschen gibt – darin liegt ihr Irrtum, ihre Anmaßung und oft genug ihr Verbrechen. In der Regel überschätzen sie die Bedeutung von Erscheinungsbild und äußerlichen Merkmalen. Völker und Nationen mögen höchst unterschiedlich anmuten, aber was sagt das schon über den Einzelnen? In ihrem innersten Kern bleibt sich die Menschheit tröstlicherweise ähnlicher als mancher wahrhaben möchte. Ihre Möglichkeiten kennen keine Rassenschranken: Grundsätzlich ist es möglich, einen afrikanischen Buschmann zum Airbus-Piloten auszubilden. Entscheidend sind sein Talent, seine Motivation und natürlich seine Chancen.
Eine Einwanderungsgesellschaft darf daher nicht nach Haar- und Hautfarbe fragen. Wichtiger sind das Potenzial und die Bereitschaft, in der neuen Heimat anzukommen. Sarrazin hat den Mut, offen anzusprechen, dass sich Zuwanderer aus der islamischen Welt damit schwerer tun als andere Migrantengruppen. Die Feststellung dieser Tatsache kann nicht rassistisch sein. Die Erklärung, warum dies so ist, hingegen schon. Mit seiner absurden These, manche Völker seien von Natur aus weniger begabt als andere, überschreitet Sarrazin diese Grenze. Solche Theorien helfen niemand. Sie verstellen nur den Blick auf die enorme Bedeutung kultureller Prägungen und religiöser Traditionen. So wird eine Chance vertan. Sarrazin findet ein gewaltiges Echo, weil er Fragen ausspricht, die sich offenbar viele Bürger in diesem Land stellen. Die Antworten bleiben enttäuschend.