Leitartikel Anders als wir?
Sich der eigenen Normalität zu vergewissern und gegen andere abzugrenzen ist normal, will jeder Mensch doch Teil der Gemeinschaft sein. Die Stigmatisierung des Mörders der Taxifahrerin als Monster, als verrohtes Tier oder Abschaum gelingt da vergleichsweise leicht, schon weil der Täter aus einem sozialen Milieu am untersten Rand der Gesellschaft stammt – ein in Russland sozialisierter und mit null Empathie versehener Mensch. Unsere Erfahrungswelt ist so weit weg von der dieses jungen Mannes, dass wir nicht verstehen wollen, sondern nur fassungslos darauf starren können. Doch Tim K.?
Der 17-Jährige beging den Amoklauf vermutlich aus einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung heraus. Eine Krankheit, die sich nicht über Nacht, sondern langsam und über Jahre hinweg entwickelte. Diese Tat lässt sich nicht so leicht abspalten in unserem Bewusstsein als Ausfluss seltener Abnormität. Hier bröckelt eine scheinbar normale, bürgerliche Fassade mit Kleinfamilie, freiem Unternehmertum, Häusle und Wohlstand – eine Existenz also wie es sie in vielen tausend Städten und Gemeinden gibt. Deshalb rühren dieser Amoklauf und der strafrechtliche Umgang damit an unser Innerstes. Deshalb ist hier die Suche nach dem Warum besonders ausgeprägt. Und der Wunsch, aus dieser scheußlichen Tat mögen sich Schlussfolgerungen ergeben. Doch muss man ernüchtert feststellen, dass die Gesellschaft kaum bereit ist, Konsequenzen aus solchen Taten zu ziehen. Das Aktionsbündnis aus den Opferfamilien von Winnenden musste dies leidvoll erleben. Zwei Jahre ist der Amoklauf her. Die vom Bundespräsidenten, von Landes- und Bundespolitikern versprochene Verschärfung des Waffenrechts war eine reine Farce.
Mit den lobbystarken Sportschützen, Jägern, Waffensammlern und der heimischen Waffenindustrie, die in Baden-Württemberg besonders stark vertreten ist, wollte sich die Politik nicht anlegen. Selbst der Justizminister unseres Landes hat ja eine Waffe zuhause im Tresor. Dabei müssten die Gesetzgeber, die ja alle Abgeordnete sind, nur genau hinsehen: Innerhalb weniger Wochen wurden in Baden-Württemberg, in Lörrach und Plochingen erneut Morde mit sogenannten Sportwaffen begangen. Zwei Frauen erschossen ihre Männer, eine auch ihren Sohn. Wären diese tödlichen Instrumente einem schnellen Zugriff entzogen gewesen, würde mancher noch leben. Auch nach dem Prozess gegen den Vater des Amokschützen von Winnenden gilt es, das bittere Fazit zu ziehen: Ohne das klägliche Versagen eines Waffennarren hätte Tim K. es zumindest schwerer gehabt, seinen durch Computerspiele geschulten Killer-Plan umzusetzen. Die Richter in Stuttgart haben bewusst nicht gesagt, der Mann und seine Familie sind durch die Tat des Sohnes und ihre gesellschaftliche Isolation genug gestraft. Das Gericht verband das Urteil mit der dringlichen Botschaft an alle Waffenbesitzer: Nehmt das Gesetz endlich ernst!
Dem Taxi-Mörder, immerhin, wurde in einem Geschäft der Kauf einer Schusswaffe verweigert. Er nahm ein Messer. Es stimmt: Absolute Sicherheit vor psychisch kranken Tätern wird es nie geben. Der Vorwurf an die Politik aber lautet, dass sie selbst dort versagt, wo sie handeln könnte. Trotz der Appelle an Sportschützen zur Sorgfaltspflicht und an die Eltern zur mutigen Wachsamkeit gegenüber ihren Kindern werden deshalb wieder Bluttaten mit legalen Waffen angerichtet werden. Von den illegalen Waffen ist hier nicht zu sprechen. Dann wird die Nation wieder fassungslos sein und insgeheim hoffen, bei Täter und Umfeld vielleicht doch Symptome einer „Andersartigkeit“ zu finden.
Kein vernünftiger Mensch hat die ...