Auch das Privathaus des vom Aufsichtsrat gefeuerten Unternehmensvorstands Christoph Hess wurde gestern nach SÜDKURIER-Informationen von den Strafverfolgern durchsucht. Wie sehr sich der Wind im Unternehmen gedreht hat, zeigen auch folgende Episoden: Der Fastnachtsverein Meckergilde musste gestern von einem Tag auf den anderen seine Umzugsfahrzeuge aus einer Hess-Lagerhalle entfernen. Außerdem wurde eine Mitarbeiterin, die sich in der Probezeit befand, gestern kurzerhand entlassen.
Diese Entwicklungen dürften die Sorgenfalten bei den Arbeitnehmern im Unternehmen noch größer werden lassen. Keiner weiß zur Stunde, welche Auswirkungen der Verdacht auf gefälschte Bilanzen auf den Betrieb und die Arbeitsplätze haben wird.
Gestern Vormittag, so bestätigte Firmensprecher Marco Walz, haben Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. „Wir kooperieren wie angekündigt mit der Staatsanwaltschaft“, bekräftigt Walz.
Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg gestern Papiere beschlagnahmt. Wie berichtet, lastet auf dem ehemaligen Firmenvorstand und auf dem Finanzvorstand Peter Ziegler der Verdacht, die Bilanzen vor dem Börsengang in den Jahren 2011 und 2012 frisiert zu haben.
Umsätze in einer zweistelligen Millionenhöhe sollen angeblich fingiert gewesen sein. Inzwischen hat der Staatsanwalt die Ermittlungen auf den Tatbestand des Kapitalanlagebetrugs ausgeweitet.
Die Zeiten des freigiebigen Mäzenatentums des ehemaligen Familienbetriebs scheinen inzwischen vorbei zu sein. Das musste auch die Meckergilde erfahren.
Seit drei Jahren durfte der Fastnachtsverein seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Hess-Lagerhalle in der Lantwattenstraße unterbringen. Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse.
Begründung: Die neue Geschäftsführung möchte, dass alles, was nicht zur Hess AG gehört, vom Grundstück verschwindet. Gestern Nachmittag begann die Meckergilde zähneknirschend mit dem Auszug. „Wir stehen von heute auf morgen auf der Straße“, zeigte sich Schätzle empört.
Martin Weidinger, seit November Vorsitzender des 200 Mitglieder zählenden Vereins, konstatiert eine verzweifelte Lage: „Wir brauchen jetzt neue Räume.“ Von Seiten der Stadt habe man „nichts zu erwarten“. Der OB habe angeregt, die Meckergilde möge ihre Fahrzeuge auf dem Parkplatz beim Familienpark abstellen.
Doch der Vorsitzende winkt ab. Durch Vandalismus wären die Fahrzeuge vermutlich in kürzester Zeit nicht mehr nutzbar. Jetzt werden die Oldtimer erst einmal auf einem Privatgrundstück abgestellt. Was die Vereinsmitglieder besonders in Rage versetzt, ist die Art und Weise ihres Rausschmisses.
Es sei ihnen nicht einmal eine Frist eingeräumt worden.
Auch die Familie Hess hat in dem Unternehmen offenbar keinerlei Privilegien mehr. Der abberufene Vorstand musste seinen Dienstwagen offenbar ebenso abgeben wie seine Frau und seine Mutter. Auch das private Wohnmobil musste vom Firmengelände verschwinden, berichten Insider.
Die wohl erste Kündigung nach Bekanntwerden der Vorwürfe ging bereits an eine Hess-Mitarbeiterin heraus. Bei der Betroffenen handelt es sich um einen 28-Jährige, die nicht namentlich genannt werden will. Gestern bekam sie ihre Kündigung in einem persönlichen Gespräch überreicht.
Die junge Frau war erst seit 7. Januar in dem Unternehmen, befand sich also bei einer Kündigungsfrist von drei Wochen innerhalb der Probezeit. Mit der Kündigung verliert sie auch ihre Bleibe. Denn sie ist in einer Firmenwohnung in Villingen untergebracht und muss am heutigen Donnerstag ausziehen. Auch das habe man ihr gestern, Mittwoch, unterbreitet – also mit einem Tag Vorlauf.
Die junge Frau ist sehr wütend über diese rigorose Behandlung. „Dass ich aufgrund der derzeitigen Situation gekündigt werde, kann ich nachvollziehen, zumal es wohl noch weitere Kündigungen geben wird. Aber dass man mich von einem Tag auf den anderen vor die Tür setzt, ist eiskalt“, sagt sie.
Ihr sei von einem Mitarbeiter der Personalabteilung gesagt worden, dass sie als Letzte gekommen sei und daher als Erste gehen müsse. Die Kündigung sei mit den derzeit unsicheren Umständen begründet worden. Jetzt wisse sie nicht, wie es weitergeht. Da sie erst seit drei Wochen in Villingen lebe, habe sie noch kein soziales Netz aufbauen können; ihre Familie wohnt 800 Kilometer weit weg.
Ärgerlich ist für die Akademikerin außerdem, dass sie zuvor bei einem Partnerunternehmen von Hess in Regensburg beschäftigt war. Dort sind noch ihre Möbel eingelagert. Die Kosten für den Umzug wollte Hess übernehmen, sagt die Frau. Sie schätzt, dass sie auf Kosten in Höhe von 2000 Euro sitzen bleibt.
Die qualifizierte Kraft betreute die arabischen Länder. Die 28-Jährige studierte Wirtschaftsarabistik, lebte mehrere Jahre in Kairo und kehrte aufgrund der unsicheren politischen Lage zurück. Bei der Agentur für Arbeit in Villingen habe sie sich arbeitslos gemeldet. „Dort hat man mir als Notlösung einen Platz im Obdachlosenheim angeboten.
Dieser Moment war der erniedrigendste in meinem ganzen Leben“, sagt sie. Firmensprecher Marco Walz wies gestern auf Anfrage die Darstellung der Betroffenen zurück. Ihre Kündigung habe nichts mit der aktuellen Lage des Unternehmens zu tun.
Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.
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