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14.02.2013  |  von Norbert Trippl  |  1 Kommentare

VS-Villingen Rechnungen ohne Leistungen bei der Hess AG?

VS-Villingen -  Der Villinger Leuchtenhersteller Hess ist pleite. Das Unternehmen kündigte am Mittwoch seinen Insolvenzantrag beim Amtsgericht an.

Unter Verdacht: Die Ex-Chefs der Hess AG: Christoph Hess (links) und Peter Ziegler.



Am Aschermittwoch, so heißt es, ist alles vorbei. In der Narrenhochburg Villingen wurde dieser Fastnachts-Spruch gestern zum Insolvenzantrag der Hess AG zitiert. Klar: Die Lichter werden bei dem Leuchtenhersteller trotz Pleite erst einmal nicht ausgehen. Der Betrieb steckt allerdings seit gestern noch tiefer in der Krise als ohnehin schon. Das Geld ist aufgebraucht, der seit 21. Januar vom Aufsichtsrat eingesetzte neue Alleinvorstand Till Becker muss die Waffen strecken.

Neuer Herr und Gebieter über die Firma ist seit gestern Abend Martin Mucha. Der Rechtsanwalt aus der angesehenen Stuttgarter Kanzlei Grub und Brugger war schon Mittwochabend vor Ort in der Firma Hess, um sich ein erstes Bild zur Lage zu verschaffen. Muchas Aufgabe ist nun die Prüfung der Möglichkeiten zur Fortführung des Betriebs und die Entwicklung eines Zukunftskonzepts. Ein solches Konzept konnte der seit rund drei Wochen agierende Alleinvorstand bis zuletzt nicht zustande bringen. Fachleute erwarten, dass die neue Firma Hess mit reduziertem Mitarbeiterstamm unter Konzentration auf das Kerngeschäft eine gute Zukunftschance haben kann.

Vor allem für die 360 Mitarbeiter der Firma beginnt eine Zeit des fahlen Lichts, sowohl am sächsischen Produktionsstandort der Hess AG in Löbau (100 Beschäftigte) als auch in der Zentrale in Villingen. Düster sieht es für Tochterunternehmen der Hess AG aus, wie die Vulkan GmbH (Hannover) oder die Emdelight in Frankfurt. Die Firmen stehen nach Informationen dieser Zeitung zum Verkauf.

Villingen-Schwenningen bewegt vor allem eine Frage: Wie kann ein so renommiertes Unternehmen so tief fallen? Die handelnden Personen der bis zuletzt hoch angesehenen Unternehmer-Familie Hess sind abgetaucht, seit der Staatsanwalt Ermittlungen aufnahm. Im Brennpunkt stehen dabei der bis 21. Januar agierende Vorstandsvorsitzende Christoph Hess und der Ex-Finanz-Vorstand, Peter Ziegler. Beide wurden vom Aufsichtsrat fristlos gefeuert, pikanterweise auch mit Zustimmung des Vaters von Christoph Hess, der im Aufsichtsgremium stellvertretender Vorsitzender ist und faktisch den Rausschmiss seines eigenen Sohnes abgenickt hat.

Warum aber entlässt ein Vater seinen Sohn in der eigenen Firma? Fakt ist: Die Familie Hess war spätestens seit dem Börsengang des Unternehmens im Oktober 2012 nicht mehr Herr im eigenen Haus. Knapp vier Monate nach der Erstnotierung rangierte die Hess-Aktie gestern an der Frankfurter Börse mit Kursen unter einem Euro, das Papier war von den Banken im Herbst zu 15,50 Euro angeboten worden. Millionen von Anlagegeldern sind damit bis heute vernichtet. Auch der Großaktionär HPE, ein holländischer Kapitalanleger hat damit, wie andere Investoren, einen Großteil seines 20-prozentigen Anteils an der Hess AG infolge der Börsenkursentwicklung erst einmal verbrannt.

Was aber war da wirklich los in der Hess AG?

Dem Unternehmen war es gelungen, weltweit an herausragenden Stellen seine Leuchtenprodukte zu platzieren, beispielsweise an der neuen Konzerthalle in Los Angeles, die von der Witwe von Walt Disney der kalifornischen Großstadt gestiftet wurde. Der Name Hess leuchtete hell, das Unternehmen sonnte sich in der Heimatstadt Villingen als viel gefragter Sponsor und Wohltäter, sei es bei Fastnachtsvereinen oder im Kultur-Sektor. Christoph Hess führt bis heute das städtische Sinfonieorchester als Vorsitzender, er agierte bis zuletzt als Mäzen.

Die Vorwürfe des Aufsichtsrats an die beiden Ex-Vorstände fußen nach SÜDKURIER-Erkenntnissen auf Verdächtigungen, die ein mit Prokura ausgestatteter Abteilungsleiter im Unternehmen aufgedeckt haben soll. Fünf Scheingeschäfte waren es nach Informationen des SÜDKURIER, die zum sofortigen Rausschmiss der beiden Vorstände geführt haben sollen. „Rechnungen ohne Leistungen“ wie das ein anderer Kenner nennt, verbucht über Konten einer ganzen Anzahl neu gegründeter Firmen. Diese Firmen sollen, so heißt es aus gut unterrichteten Kreisen weiter, von einer Frau geführt werden, die als Geschäftssitz die Schweiz angibt und die, so heißt es weiter, mit sehr umfangreichen Vollmachten ausgestattet sein soll. Bei den Buchungen soll richtiges Geld geflossen sein für in Rechnung gestellte Leistungen, die nie stattgefunden haben sollen.

Das Ergebnis dieser vermuteten Manipulationen soll ein um rund 20 Millionen Euro aufgeblähter Umsatz für das Abrechnungsjahr 2011 und ein um 10 Millionen Euro künstlich erhöhtes Ergebnis der Hess AG gewesen sein, berichten Kenner der Vorgänge. Mit den geschönten Geschäftszahlen seien wiederum auch die Banken getäuscht worden, die den Börsengang des Unternehmens unter Führung der BW-Bank begleitet haben. „Sollte das alles so gewesen sein, wäre das hoch kriminell“, sagte der Chef eines großen ortsansässigen Wirtschaftsunternehmens. Und sollte das alles so gewesen sein, drohen den Verantwortlichen massive Haftstrafen und millionenschwere Schadensersatzforderungen von geprellten Anlegern.

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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"Bei den Buchungen soll richtiges Geld geflossen sein für in Rechnung gestellte Leistungen, die ... mehr ...
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