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31.01.2013  |  von Norbert Trippl  |  0 Kommentare

Wirtschaft Razzia bei der Hess AG

Wirtschaft -  Rund um die Villinger Hess AG überschlagen sich die Ereignisse: Der Staatsanwalt ließ am Mittwoch Geschäfts- und Privaträume durchsuchen und Akten beschlagnahmen.

Die Leuchten der Villinger Hess AG erhellen den Platz vor dem Donbrass-Stadion im ukrainischen Donezk. Das Zahlenwerk des Unternehmens harrt noch der Erleuchtung.  Bild: Hess

Unter Verdacht: Christoph Hess.



Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität greift durch: Die Mannheimer Ermittler entsandten gestern Beamte zur Villinger Hess AG. Die Polizisten waren nach SÜDKURIER-Informationen mit einem Durchsuchungsbefehl ausgestattet und waren sowohl in den Firmenräumen der Hess AG in Villingen wie auch in der Wohnung des Ex-Vorstandsvorsitzenden Christoph Hess. Nach Angaben von Unternehmenssprecher Marco Walz wurden Akten in den Firmenräumen beschlagnahmt. Bislang hatte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft eine Razzia bei der Hess AG unter Verweis auf das mit den Behörden kooperierende Unternehmen ausgeschlossen.

Verdacht auf Bilanzmanipulation: Hess-Aktie stürzte ab

Christoph Hess war am Montag der vergangenen Woche wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation zusammen mit dem Finanzvorstand der Hess AG, Peter Ziegler, entlassen worden. Der Aufsichtsrat des seit Oktober 2012 an der Börse notierten Schwarzwälder Leuchtenherstellers hatte diesen Schritt – wie vom Aktienrecht gefordert – öffentlich bekanntgegeben. Im dreiköpfigen Aufsichtsrat votierte auch der Vater von Christoph Hess, Jürgen Hess, für die Entlassung seines Sohnes. Die Hess-Aktie stürzte zunächst um über 60 Prozent ab und notierte bis gestern bei knapp über 7 Euro und damit immer noch über 50 Prozent unter dem Ausgabekurs von 15,50 Euro.


Staatsanwaltschaft ermittelt wegen falscher Umsatzzahlen

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit vergangener Woche wegen unrichtiger Umsatzzahlen des Unternehmens. Seit Dienstag dieser Woche geht es für die Mannheimer Schwerpunktstaatsanwaltschaft auch um die Frage, ob sich die Verantwortlichen des Unternehmens wegen Anlagebetrugs verantworten müssen. Trifft ein solcher Verdacht zu, drohen den handelnden Personen beträchtliche Freiheitsstrafen.

Hess exportiert seine Leuchten in über 40 Länder der Welt. In der Villinger Zentrale regiert seit der spektakulären Entlassung des bisherigen Gesamtvorstands der 55-jährige Till Becker als alleiniger Chef. Becker bemühte sich am Montag dieser Woche, die Sachlage im Unternehmen den Vertretern der bei Hess engagierten Banken zu erläutern. Das Unternehmen hatte dazu Repräsentanten von 15 namhaften Kreditinstituten nach Stuttgart geladen. Nach Informationen unserer Redaktion warb die Firma dabei um das weitere Vertrauen der Geldinstitute, ohne zunächst ein Konzept für die Fortführung der Firma vorzulegen.

Hess AG mit rund 50 Millionen Euro verschuldet

Die Hess AG ist mit rund 50 Millionen Euro verschuldet und plante, einen Anteil in der Höhe von 10 Millionen Euro aus dem Emissionserlös für die Schuldentilgung zu investieren. Der komplette Netto-Emissionserlös von über 30 Millionen Euro ist derzeit nach SÜDKURIER-Informationen von den Banken auf den Konten eingefroren.

Wirtschaftsfachleute erwarten Schadensersatzforderungen von Anlegern an das Unternehmen, das seinerseits wiederum seine bisherigen Verantwortungsträger in die Haftung nehmen wird. Gut informierte Kreise errechnen einen bislang eingetretenen Schaden bei den Anlegern in zweistelliger Millionenhöhe. Auf eine ähnliche Größenordnung wird die Dimension der Bilanzmanipulationen geschätzt.


Chronologie der Hess-Turbulenzen

Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
 

Weitere Bildergalerien

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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