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06.02.2013  |  von Norbert Trippl  |  0 Kommentare

Villingen-Schwenningen Kommentar: Zu Lasten der Beschäftigten

Villingen-Schwenningen -  Bei der Hess AG droht die Lage zu kippen. Der neue Vorstand verbarrikadiert sich in der Firma während die Ex-Vorstände Hess und Ziegler eine Attacke reiten.


Beides ist nicht gut für das Unternehmen. Die Börse quittierte die Ereignisse mit satten Kursverlusten in der Höhe von über 30 Prozent allein im Verlauf des Dienstags.

Langsam darf man die Frage stellen, ob hier jemand die Karre gegen die Wand fahren will, um dann die Einzelteile gewinnbringend zu verkaufen. Bei der jetzt ganz klar am Rande der Insolvenz kämpfenden Firma geht es um alles. Vor allem aber: Um 360 Arbeitsplätze und die damit verbundenen Familienschicksale.

Die neue Firmenleitung richtet ihren Blick scheinbar nicht nach vorne. Bis heute gibt es keine Aussagen zu einem Zukunftskonzept und deshalb darf sich die Firma nicht wundern, wenn – wie jetzt in Sachsen geschehen – die Löhne von den Hausbanken nicht mehr angewiesen werden.

Ein solcher Vorgang ist vor allem auch eine schallende Ohrfeige für den neuen Vorstand. Er hat es damit nicht geschafft, vertrauensbildend zu wirken. Und es geht vor allem um Vertrauen. Die Banken haben offenkundig die Bremse gezogen. Die Institute verleihen mit weiteren Darlehen an die Hess AG nichts anderes als die Anlagegelder ihrer Kunden. Das Risiko, noch mehr frisches Geld für die Hess AG bereit zu stellen, scheint vielen aktuell zu hoch.

Es fehlt die klare Linie, welche der Vorstand vorgeben muss. Er agiert stattdessen rückwärtsgewandt, investiert massive Ressourcen für die Vergangenheitsbewältigung. Das könnte sich als schwerer Fehler herausstellen. Dann nämlich, wenn die Banken nicht dem Wunsch von Hess-Chef Becker um Stillhalten entsprechen und stattdessen Fakten schaffen.

Die Hess AG gibt jetzt ein konfuses Bild ab. In der Firma ist ein Heer von Anwälten und Wirtschaftsprüfern zu Gange, angeblich 20 Personen. Jeder einzelne sehr teuer. Parallel kann das Unternehmen nicht alle Januar-Lohnansprüche erfüllen. Das ist Missmanagement zu Lasten der Beschäftigten.


Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
 


Weitere Bildergalerien

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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