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19.02.2013  |  0 Kommentare

Freiburg Hess-Pleite birgt Garantieverlust

Freiburg -  Die insolvente Hess AG ist Freiburgs Partner bei der neuen Beleuchtung von Plätzen und Wahrzeichen im Herzen der Stadt. Der Leuchtenhersteller will nächste Woche noch das Martins- und das Schwabentor illuminieren.


Damit wäre das zwei Millionen Euro teure Projekt abgeschlossen. Doch mit der Garantie könnte es duster aussehen. Am Münster mussten 2012 schon LED-Prototypen ausgewechselt werden. Das Unternehmen in Villingen-Schwenningen war von Anfang an am Konzept beteiligt, mit dem das Garten- und Tiefbauamt beim Wettbewerb „Kommunen im neuen Licht“ gewonnen hat.

Zwei Millionen Euro gibt es vom Bundesforschungsministerium, um die stromsparenden, aber noch teuren Leuchtdioden in der Altstadt zu testen. Alle 555 Leuchten für das Projekt stammen von der Firma Hess. Sie stecken inzwischen in den Gusslaternen der Kaiser-Joseph-Straße, beleuchten weitere Innenstadtbereiche, das Rathaus, den Stadtgarten und – als Highlight – das Münster.

Der renommierte Leuchtenspezialist hatte das Wahrzeichen der Stadt mit Prototypen in Szene gesetzt. Doch nach fünf Monaten mussten die Bodenstrahler vergangenen August ausgetauscht werden, weil Kondenswasser drin war. Ein Garantiefall, kein Problem. Doch am Mittwoch hat die Hess AG Insolvenzantrag gestellt, nachdem der Aufsichtsrat Ende Januar schon plötzlich den Vorstandschef entließ und der Staatsanwalt Ermittlungen wegen Verdachts auf Betrug und Bilanzfälschung aufnahm.

Die Freiburger Stadtverwaltung versucht nun zu klären, wie es mit der zweijährigen Gewährleistung für die Hess-Leuchten aussieht, sagte Rathaussprecherin Martina Schickle. „Unser Ansprechpartner ist jetzt der Insolvenzverwalter.“ Dieser entscheide auch über den finanziellen Abschluss des Projekts. „Die Fachleute im Garten- und Tiefbauamt sind mit dem Insolvenzverwalter in Kontakt“, sagte Martina Schickle. Die Finanzen selbst, mit dem Volumen von zwei Millionen Euro, laufen komplett über das Bundesministerium.

Die Stadtverwaltung hat allerdings die letzten acht Leuchten bezahlt, die zum Abschluss des Projekts noch fehlen: Sie sollen das Martinstor und das Schwabentor anstrahlen. „Die Firma Hess hat uns zugesagt, dass sie nächste Woche eingebaut werden“, sagte Martina Schickle und wies darauf hin: „Die Firma ist insolvent, aber der Betrieb läuft weiterhin.“ Ansonsten hofft die Stadtverwaltung, dass sie die Garantie in den ersten beiden Jahren überhaupt nicht in Anspruch nehmen muss.

Der LED-Masterplan des Garten- und Tiefbauamts soll pro Jahr 100 000 Kilowattstunden Energie sparen. Offiziell ist das Projekt schon seit dem Jahreswechsel beendet – nach einer Verlängerung: Das Forschungsministerium hatte für die Umsetzung und die Finanzierung des Konzepts eine Frist von 18 Monaten gesetzt.

Chronologie der Hess-Turbulenzen


 

Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
  • Mittwoch, 13. Februar: Der Vorstand der Hess AG hat am Mittwochmorgen entschieden, beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag zu stellen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Die Hess AG nimmt in einer aktuellen Mitteilung Stellung zur Situation der Firma. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Christoph Hess, Ex-Vorstandsvorsitzender der Hess AG, erklärt sich am Mittwochnachmittag zum Insolvenzantrag des Unternehmens.Zum Artikel
  • Montag, 18. Februar: Der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Mucha legt sein Amt nieder. Er befürchtet Interessenskollission. Zum neuen vorläufigen Insolvenzverwalter wird Rechtsanwalt Dr. Volker Grub bestellt. Zum Artikel
 

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Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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