Die Hess-Aktie stürzte nach der Insolvenz-Mitteilung, die das Unternehmen gestern Mittag verbreitete, fast komplett ab: Von 3,42 Euro am Dienstag auf nur noch 77 Cent das Stück (siehe Grafik). Zum Handelsstart am 25. Oktober wurde die Aktie zu 15,50 Euro gehandelt. Für die Anleger war der Erwerb eine riesige Kapitalvernichtung.
„Trotz Ausschöpfung aller Alternativen waren wir gezwungen, sowohl für die Hess AG als auch die Hess Lichttechnik GmbH wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenzantrag zu stellen“, ließ Vorstand Till Becker gestern verlauten. „Ziel ist es jetzt, Hess mit den Instrumenten der Insolvenzordnung zu sanieren und dauerhaft konkurrenzfähig aufzustellen.“
Von dem Insolvenzantrag sind am Standort Villingen rund 200 Mitarbeiter und in Löbau rund 100 Beschäftigte betroffen. Sie wurden gestern über E-Mail, Telefon und Aushänge über den Insolvenzantrag informiert. Ihre Löhne und Gehälter sind durch Insolvenzausfallgeld von Februar bis Ende April erst einmal gesichert.
Laut Pressemitteilung der Hess AG vom Mittwoch hat das Unternehmen „seit 2009 Jahr für Jahr mehr Geld ausgegeben als eingenommen“. Dadurch, so heißt es in der Erklärung, „benötigte Hess fortwährend neue Darlehen und Finanzierungsmöglichkeiten“, die die Firma zunächst über Bankkredite, dann durch die Einbeziehung eines Finanzinvestors und schließlich über Einnahmen von privaten und institutionellen Investoren im Rahmen des Börsengangs abgdeckt habe.
Die von den ehemaligen Vorstandsmitgliedern Christoph Hess und Peter Ziegler angekündigte Strategie habe auf Wachstumsprognosen basiert, „die sich als unrealistisch herausgestellt haben“. Nach aktuellen Erkenntnissen sei die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Hess AG erheblich zu korrigieren, so die Geschäftsleitung. Für das Geschäftsjahr 2013 sei nach heutigem Erkenntnisstand ein Verlust im hohen einstelligen Millionenbereich, in bestimmten Szenarien sogar von bis zu zwölf Millionen Euro zu erwarten.
Um sich für neue Investoren interessant zu machen, seien bereits in den vergangenen zwei Wochen „diverse für das Unternehmen nachteilige Vereinbarungen aufgelöst worden, bei denen Familien- und Unternehmensinteressen verknüpft wurden“, berichtet die Geschäftsführung weiter. Eine Mitverantwortung an der Insolvenz schiebt Vorstand Till Becker dem Hauptgesellschafter des Unternehmens, der Hess Grundstücksverwaltungs GmbH & Co. KG zu. Dahinter steht die Familie Hess, Geschäftsführer sind Christoph Hess und Peter Ziegler. Diese Gesellschaft, so der Vorwurf, habe in den letzten Wochen weder bestehende Forderungen der Hess AG und der Hess Lichttechnik GmbH über 1,3 Millionen Euro beglichen noch sei sie bereit gewesen, einen freiwilligen höheren Sanierungsbeitrag zu leisten.
Deshalb hätten die Gläubigerbanken weiterhin die Guthaben und Kreditlinien gesperrt.
Nach Aussage von Firmensprecher Marco Walz sei das Unternehmen für Investoren zwar ein sehr interessantes Unternehmen. Doch derzeit werde kein Investor Geld in ein Unternehmen stecken, das von unkalkulierbaren Schadenersatzklagen der Geldanleger bedroht sei. Das Insolvenzverfahren sei daher eine Chance, diese Risiken auszuschließen sowie sich von „Altlasten“ der familiären Vestrickungen zu befreien. Außerdem bringe die Insolvenzverwaltung neue Sicherheit für Kunden und Lieferanten in das Untenehmen.
Nach SÜDKURIER-Informationen sollen bei der Hess AG in den vergangenen Jahren angeblich fiktive Umsätze im Volumen von rund 20 Millionen Euro und Gewinne von zehn Millionen Euro in die Bilanz hinein manipuliert worden sein. Die Scheingeschäfte über mehrere „Briefkastenfirmen“ habe eine Mitarbeiterin eingefädelt, die erst seit kurzem im Unternehmen ist und die ihren Geschäftssitz in der Schweiz haben soll. Sie soll, so Insider, von der alten Geschäftsführung mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet worden sein.
Der Fall hat nicht nur die Börse und die Anlieger erschüttert, er sorgt auch bundesweit für Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim bestätigt, dass mittlerweile nicht nur gegen vier, sondern gegen fünf Mitarbeiter von Hess ermittelt werde. Neben den beiden geschassten Vorständen Hess und Ziegler sind drei weitere Personen wegen Beihilfe ins Visier der Ermittler geraten. Allerdings blieb Staatsanwältin Christina Arnold gestern mit Aussagen äußerst vorsichtig. Ob es zu einer Anklageerhebung gegen Hess und Ziegler kommen werde, könne derzeit noch nicht beurteilt werden. Die Beschuldigten weisen nach wie vor alle Vorwürfe zurück (siehe Stellungnahme von Christoph Hess).
Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.
Übersicht | Alle Bildergalerien | Keine Nachricht verpassen mit dem Hess AG RSS-Feed
