Die Hess AG könnte in die deutsche Börsengeschichte eingehen. Wohl nie zuvor hat eine Aktiengesellschaft zwischen Börsengang und Insolvenz nur vier Monate überdauert. Das gab es nicht einmal in der Zeit des verrückten Neuen Marktes.
Wirtschaftsprüfer und möglicherweise auch Gerichte werden herausfinden müssen, wer die Schuld an dem Desaster trägt. Die Opfer dagegen sind schon heute bekannt: Mitarbeiter, Gläubiger, Aktionäre und die Gründerfamilie. Die einen verlieren ihre Arbeit, die anderen ihr Geld und die Familie ihren guten Ruf.
Das Ansehen der Eigentümerfamilie spielt beim Börsengang eines Mittelständlers eine große Rolle. Es gilt als Qualitätsausweis, wenn eine Familie ihr Unternehmen über Generationen erfolgreich entwickelt hat. Dann fließt das Geld der neuen Aktionäre leichter.
Der Hess AG fiel es dennoch schwer, das Kapital anzulocken. Der Aktienpreis, den sich Emissionsbanken und Altaktionäre vorstellten, war zu hoch. Möglicherweise gab es auch Zweifel daran, ob die Herstellung von Laternen ein einträgliches und zukunftsträchtiges Geschäft ist.
Ungewöhnlich war es allemal, dass ein derart kleines Unternehmen mit beschränkter Wachstumsphantasie den Gang an die Börse wagt. Großinvestoren steckten dann doch 32 Millionen in die Hess AG. Kleinanleger waren mit 3,5 Millionen Euro dabei.
Ob Groß oder Klein – das Kapital ist so gut wie dahin. Für die Aktienkultur in Deutschland bedeutet die Hess-Pleite deshalb einen schweren Schlag. Viele Sparer scheuen bereits die normalen Schwankungen der Aktien. Jetzt werden sie auch noch Manipulationen und Betrug fürchten.
Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.
Übersicht | Alle Bildergalerien | Keine Nachricht verpassen mit dem Hess AG RSS-Feed

Alle Kommentare 