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14.02.2013  |  von Peter Ludäscher  |  6 Kommentare

Wirtschaft Hess AG: Ein Schlag für die Aktienkultur

Für die Aktienkultur in Deutschland bedeutet die Hess-Pleite einen schweren Schlag. Viele Sparer müssen nun auch noch Manipulationen und Betrug fürchten. SÜDKURIER-Wirtschaftschef Peter Ludäscher kommentiert.

Der Stammsitz der Hess AG in VS-Villingen aus der Luft fotografiert.  Bild: Hess AG

Autor
Peter Ludäscher
Ressortleiter Wirtschaft

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Die Hess AG könnte in die deutsche Börsengeschichte eingehen. Wohl nie zuvor hat eine Aktiengesellschaft zwischen Börsengang und Insolvenz nur vier Monate überdauert. Das gab es nicht einmal in der Zeit des verrückten Neuen Marktes.

Wirtschaftsprüfer und möglicherweise auch Gerichte werden herausfinden müssen, wer die Schuld an dem Desaster trägt. Die Opfer dagegen sind schon heute bekannt: Mitarbeiter, Gläubiger, Aktionäre und die Gründerfamilie. Die einen verlieren ihre Arbeit, die anderen ihr Geld und die Familie ihren guten Ruf.

Das Ansehen der Eigentümerfamilie spielt beim Börsengang eines Mittelständlers eine große Rolle. Es gilt als Qualitätsausweis, wenn eine Familie ihr Unternehmen über Generationen erfolgreich entwickelt hat. Dann fließt das Geld der neuen Aktionäre leichter.

Hess-Pleite: Das Kapital ist so gut wie dahin

Der Hess AG fiel es dennoch schwer, das Kapital anzulocken. Der Aktienpreis, den sich Emissionsbanken und Altaktionäre vorstellten, war zu hoch. Möglicherweise gab es auch Zweifel daran, ob die Herstellung von Laternen ein einträgliches und zukunftsträchtiges Geschäft ist.

Ungewöhnlich war es allemal, dass ein derart kleines Unternehmen mit beschränkter Wachstumsphantasie den Gang an die Börse wagt. Großinvestoren steckten dann doch 32 Millionen in die Hess AG. Kleinanleger waren mit 3,5 Millionen Euro dabei.

Ob Groß oder Klein – das Kapital ist so gut wie dahin. Für die Aktienkultur in Deutschland bedeutet die Hess-Pleite deshalb einen schweren Schlag. Viele Sparer scheuen bereits die normalen Schwankungen der Aktien. Jetzt werden sie auch noch Manipulationen und Betrug fürchten.

Chronologie der Hess-Turbulenzen


Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
  • Mittwoch, 13. Februar: Der Vorstand der Hess AG hat am Mittwochmorgen entschieden, beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag zu stellen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Die Hess AG nimmt in einer aktuellen Mitteilung Stellung zur Situation der Firma. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Christoph Hess, Ex-Vorstandsvorsitzender der Hess AG, erklärt sich am Mittwochnachmittag zum Insolvenzantrag des Unternehmens.Zum Artikel
 

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Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

Seit wann ist..
Aktien verhökern ne Kultur?????????? mehr ...
Grosser Fehler...
wenn ein Firmenbesitzer sein Lebensweerk in Managerhände giebt, die Typen sind nur "Bonusgeil" ... mehr ...
Wieso zählen Sie die Gründerfamilie zu den Opfern?
Man hat es doch geschafft eine offensichtlich wertlose Firma an die Börse zu bringen und dafür ca. mehr ...
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