Wochenende Star-Recycling im Urwald
Hoffen imDschungelcampauf medialeWiederverwertung: Daniel Lopes und Kim Debkowski. Beide wurdendurch „Deutschlandsucht den Superstar“ bekannt. Bild: Rtl/FotoliaMontage: steller
Millionen Deutsche schauen sich das an, seit einer Woche, jeden Abend. Das RTL-Dschungelcamp ist ein Quotenhit, die aktuelle Staffel ist bereits die sechste seit 2004. Woher nur kommt dieser Erfolg? Ein Ausflug in den Magentrakt des deutschen Fernsehens.
Rückblick Als alles anfing, damals, 2004, da ging ein Zucken durch Deutschland – oder besser gesagt durchs öffentliche deutsche Gewissen, das ja besonders gut im Empören ist. Eben waren ein gewisser Daniel Küblböck, Costa Cordalis, Lisa Fitz und andere Halbbekannte in ein seltsam künstlich anmutendes Freiluft-Camp in Australien eingezogen. Küblböck und Co. quetschten sich zu bester Sendezeit in einen „Kakerlaken-Sarg“, stiegen in ein „Terror-Aquarium“, schrien und quietschten und angelten nach bunten Sternen, die die Essensrationen der Camp-Genossen aufbessern konnten. Die Süddeutsche Zeitung sah darin einen „neuen Tiefpunkt in der deutschen TV-Geschichte“, die Bildzeitung sprach von „Folter-TV“. Der Bund gegen Missbrauch der Tiere wehrte sich gegen den Missbrauch von Krabbelzeugs, die bayerische Familienministerin Christa Stewens sprach von „schamloser Kommerzialisierung des Werteverfalls“. Ein FDP-Landtagsabgeordneter zeigte RTL wegen Körperverletzung an, Werbekunden weigerten sich, in den Pausen Spots zu schalten. Eine schäumende Empörungswelle schwappte durchs Land – übrigens genau wie Jahre zuvor beim Start von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und von „Big Brother“ – und verebbte wieder. Heute, bei Staffel sechs des Dschungelcamps, prangert kein Medienexperte, kein Kirchenvertreter und kein Politiker mehr Menschenrechtsverletzungen unter Lianen an. Was völlig in Ordnung ist – denn das Dschungelcamp ist ein lebensnotwendiges Organ im deutschen Fernseh-Organismus. Genauer gesagt: Es ist sein Verdauungsorgan.
Daumen rauf, Daumen runter Diese steile These bedarf einer Erklärung. Allzu oft haben Kritiker das Dschungelcamp mit Casting-Shows wie DSDS verglichen – was aber grundsätzlich falsch ist. Denn die beiden Formate sind Gegenteile voneinander. DSDS und Co machen aus Normalos Stars (mit mehr oder weniger langer Halbwertzeit). Sie heben Menschen wie Du und Ich aus der Masse heraus ins Scheinwerferlicht und lassen sie dort singen und tanzen. Sie werden berühmt, stellvertretend für uns alle. Deshalb lieben wir sie auch so, diese Bildschirm-Voodoopuppen, zumindest für kurze Zeit.
Das Dschungelcamp nun ist die logische zweite Stufe. Es nimmt die Stars in unserem Auftrag wieder auseinander, indem es sie ungeschminkt aufeinander loslässt, in Schlamm und Schleim taucht und mit Mehlwürmern füttert. Über ihr Wohl und Wehe bestimmen wir. Wer bleibt? Wer fliegt raus? Das ist ethisch unbedenklich, mehr noch: Es ist gerecht. Denn wir Fernsehzuschauer haben diese Stars zu Stars gemacht. Wir haben sie erschaffen, indem wir uns für ihr Entstehen interessierten. Also dürfen wir sie auch wieder zerlegen. Daumen rauf, Daumen runter. Rom hatte seine Gladiatoren, wir haben Vincent Raven und Rocco Stark. Wir schicken sie nicht in die Wüste, aber in den Busch. Wir werfen sie nicht den Löwen zum Fraß vor, aber immerhin ein paar Spinnen. Wir alle sind der Kaiser, der oben in seiner Loge den Daumen senkt.
Sie sind noch nicht überzeugt? Dann schauen wir uns mal die Kandidatenliste der aktuellen Staffel an. Ramona Leiß: Fernseh-Moderatorin. Kim Debkowski: DSDS-Teilnehmerin. Vincent Raven: Teilnehmer der Show „The Next Uri Geller“. Martin Kesici: gewann „Star Search“. Daniel Lopes: DSDS-Teilnehmer. Micaela Schäfer: Teilnehmerin von „Germany's Next Top Model“. Brigitte Nielsen: Schauspielerin und Teilnehmerin von „Let's Dance“. Bleiben noch Jazzy von der 90er-Jahre-Retorten-Band „Tic Tac Toe“, Uwe-Ochsenknecht-Sohn Rocco Stark, Ex-Fußball- (und damit auch Fernseh-)Star Aílton – und schließlich Radost Bokel, die als „Momo“ zum Kinderstar wurde. Hoffen wir mal, dass die grauen Herren in der RTL-Zentrale nicht auf die Idee kommen, sie gegrillte Schildkröte essen zu lassen – aber lassen wir das. Die tragische Demontage einst verehrter Kindheits-Helden ist ein anderes Thema.
Recycling Es ist also nur löblich, dass ein Fernsehen, das am laufenden Band „Stars“, „Superstars“ und „Topmodels“ produziert, sich auch Gedanken über deren Entsorgung macht. Mehr noch: Es zeigt, dass das Fernsehen seine eigene Funktionsweise verstanden hat und beginnt, damit zu spielen. Und zwar auf hohem Niveau, das muss man neidlos zugeben. Das Dschungelcamp ist perfekt produziert und – im Fernseh-Maßstab – beste Unterhaltung. Die Pointe dabei: Die Sendung versucht gar nicht, das öffentliche Star-Recycling zu verbergen. Das Camp ist eine Kunstwelt. Die Anordnung der Teilnehmer ist die eines sozialen Experiments. Die Prüfungen sind ebenso sinnlos wie gezielt auf die Produktion von Ekelgefühl ausgerichtet. Kameras überwachen das Camp – und alle Insassen spielen davor ihre Rollen. Das Moderatoren-Duo Sonja Zietlow und Dirk Bach führt die Promis ebenso gnadenlos wie augenzwinkernd vor. Diese Fernsehshow bezieht sich einzig und allein aufs Fernsehen. Das alles löst jede Beklemmung, die einen wegen der Sendung befallen könnte, in Ironie auf. Alle wollen's: der Sender, die Zuschauer – und die Teilnehmer selbst.
Das schließlich ist das Totschlagargument des Senders gegen jegliche Kritik. Die Camp-Bewohner sind Mediengeschöpfe, sie haben verstanden, wie Fernsehen funktioniert, und man kann davon ausgehen, dass sie wissen, was sie tun – anders übrigens als die „Mädchen“ in Heidi Klums Topmodel-Show oder die naiven Träumer, die Dieter Bohlen bei DSDS im Dutzend zur Sau macht. Wer in den Dschungel geht, hofft – neben der Gage von einigen Zehntausend Euro – auf neuen Ruhm, eben auf Recycling: Die Wiedergeburt als Mediengeschöpf. Seien wir mal ehrlich: Da ist es kein zu hoher Preis, ein paar Maden zu futtern und sich zwischen Aalen zu aalen.
Das große Gähnen Am Ende also bleibt – ein Gähnen. Der Blick in die Entsorgungs-Maschinerie des Fernsehens ist zwar mitunter erheiternd, aber sicher nicht länger als die zwei Wochen, die die Show dauert. Zur moralischen Entrüstung taugt das Dschungelcamp nicht, und wen es trotzdem stört, der darf es einfach ausschalten. Die Show und ihre Teilnehmer sind so künstlich, so inszeniert und so frei von Bedeutung für unser Leben wie die allermeiste Unterhaltung im Medium Fernsehen. Wenn wir ausschalten, ändert das – gar nichts.
Andererseits darf man sich diese und verwandte Sendungen auch ruhig anschauen und vergleichen: Wie viel künstliche Fernseh-Welt ist eigentlich schon in unser echtes Leben eingesickert? Ist es normal, wenn ein Verteidigungsminister seinen Talkmaster zur Sendung mit nach Afghanistan nimmt? In wie viele Kinderzimmer hat „Germany's Next Topmodel“ schon den Schlankheitswahn getragen? Wie viele Zuschauer glauben, dass die inszenierte Nachmittags-Realität der Privatsender voller Fettleibiger, Messies, Asozialer und Hysteriker die Wirklichkeit ist? Sollte man einen Bundespräsidenten einfach so aus Bellevue „rausvoten“? Und wie sehr ähnelt eine Bundestagswahl der Wahl zum Dschungelkönig? Dann wird man feststellen: Noch gibt es eine Grenze. Noch wird Politik nicht im Dschungel gemacht, oder im Big-Brother-Container. Obwohl, Moment – da war doch mal was…
