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Wochenende Nichts als Arbeit

28.02.2009
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Wenn das keine Hassliebe ist! Viele Berufstätige klagen regelmäßig über Anstrengung und Stress bei der Arbeit und fürchten doch gleichzeitig nichts mehr, als ihre Stelle zu verlieren. Jammern gehört zum Geschäft – teils aus gutem Grund, teils um Außenstehende in Ermangelung eines erschöpften Äußeren von der Heldentat im Büro zu überzeugen. Unsere Vorstellung von Arbeit hat immer noch viel mit der germanischen Bedeutung des Worts, „Mühsal“ oder „Plage“, zu tun. Existenziell wichtig wird eine bezahlte Beschäftigung vor allem durch den Zwang, sich damit den Lebensunterhalt zu finanzieren, und durch den Wunsch nach relativer finanzieller Unabhängigkeit.

Der angeblich typische, unbefristete Vollzeitarbeitsplatz ist vor allem für viele weniger Qualifizierte inzwischen in weite Ferne gerückt. Dennoch schrecken viele Politiker nicht einmal davor zurück, das auch in früheren Zeiten nur selten erreichte gelobte Land der „Vollbeschäftigung“ als nur vorübergehend nicht erreichten Normalfall darzustellen. Das Statistische Bundesamt hat zwar für 2008 festgestellt, dass mit rund 40,3 Millionen Erwerbstätigen oder 49 Prozent der Bevölkerung so viele Menschen gearbeitet haben wie nie zuvor in der Bundesrepublik, mitgezählt wurden dabei aber auch geringfügig Beschäftigte. Zwischen den Arbeitsverhältnissen gibt es große Unterschiede, der Münchner Sozialforscher Dieter Sauer spricht deshalb von „Spaltungen der Arbeitswelt“.

Die Arbeit ist ungleich verteilt
Einer wachsenden Gruppe von „Menschen ohne Arbeit“ stehe eine wachsende Gruppe von Menschen gegenüber, die „ohne Ende arbeiten“. Beide sind von körperlichen und psychischen Erkrankungen bedroht. Die einen, weil sie zu viel arbeiten, wenn auch teilweise „mit hohen individuellen Freiheiten“. Die anderen, weil sie gar nicht oder nur in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen arbeiten können. Manager und Fachkräfte etwa verdienen gutes Geld, haben aber oft kaum Zeit für Privatleben und Familie. Bei vielen ist die so genannte Work-Life-Balance, das gesunde Verhältnis von Arbeit und Freizeit, aus dem Gleichgewicht geraten. Auf der anderen Seite stehen Langzeitarbeitslose mit oft weniger qualifizierten Berufen und viel freier Zeit, die sie aber weder als Freizeit genießen können noch sollen.

Ihre Tragik liegt darin, dass sie oft nach wie vor am Ideal der bezahlten Vollzeitstelle orientiert sind, aber dennoch kaum eine Chance haben, diesen Status noch einmal zu erreichen. „Gerade die-jenigen, die besonders motiviert sind, wieder eine Arbeitsstelle zu finden“, leiden „am stärksten unter der Arbeitslosigkeit“, stellt der Arbeitspsychologe Michael Frese fest. Die Gesellschaft verlange von Arbeitslosen, „motiviert nach einer Arbeit zu suchen. Diejenigen, die sich an diese gesellschaftliche Vorschrift halten, leiden besonders stark.“

Zu den ersten Untersuchungen der sozialen und psychischen Folgen des Arbeitsplatzverlusts gehört die 1933 veröffentlichte sozialwissenschaftliche Studie über das niederösterreichische Dorf Marienthal. Dort waren zu Beginn der 1930er Jahre nach der Schließung der Fabriken, die zur Entstehung der Arbeitersiedlung geführt hatten, mehr als drei Viertel aller Familien auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen. Neben der Armut stellten die Forscher viele weitere negative Folgen der Erwerbslosigkeit fest, etwa die zeitliche Orientierungslosigkeit der Betroffenen durch den Wegfall eines strukturierten Tagesablaufs und ein Gefühl der Nutzlosigkeit, das bis zur Resignation gehen konnte.

Unter ähnlichen Folgen leiden auch die heute Betroffenen noch, ganz unabhängig davon, dass ihre materielle Situation nicht mehr wie damals von extremer Armut geprägt ist. Denn eine Stelle innezuhaben, ist längst nicht mehr nur für die Sicherung des Lebensunterhalts wichtig. Wer arbeiten geht, profitiert auch durch zusätzliche soziale Kontakte und den Antrieb zu regelmäßiger Aktivität, sagt die Sozialpsychologin Marie Jahoda. Bei Arbeitslosen, denen es gelingt, „arbeitsähnliche Aufgaben“ wie „ehrenamtliche Tätigkeiten … in Vereinen oder in einer Arbeitsloseninitiative“ zu übernehmen, dürften „die negativen Effekte“ des Arbeitsplatzverlusts deshalb geringer sein, so Frese.

Anerkennung nur durch Arbeit
Nach wie vor definieren sich viele Menschen im Erwerbsalter nur über ihren Beruf. Der Gesellschaftsethiker Friedhelm Hengsbach sieht bei Männern eine „überdehnte Identifizierung mit der Erwerbsarbeit“ und bezeichnet „die ausschließliche Fixierung der Gesellschaft auf die Erwerbsarbeit“ als „krankhaft“. Auch der Drogerieketten-Unternehmer und Grundeinkommens-Verfechter Götz Werner spricht von einer „fast zwanghaften … Fixierung auf Erwerbsarbeit“ in Deutschland. Selbstbestätigung und die Anerkennung anderer erfährt man vor allem im Beruf, nicht bezahlte Tätigkeiten gelten als wesentlich uncooler. Hausarbeit und die Erziehung der Kinder durch Frauen etwa werden nicht nur von vielen Männern nicht ernst genommen, die in ihrem Job zwar mitunter weniger gefordert sind als die Frau daheim, aber immer gern als müde Leistungsträger nach Hause kommen.

Vor dem Hintergrund, dass Ehefrauen in der Bundesrepublik erst seit 1977 auch ohne das Einverständnis ihres Manns berufstätig sein dürfen, wird der bewusste Verzicht auf die hart erkämpfte Berufsausübung bisweilen auch von berufstätigen Frauen als „Hausmuttitum“ verspottet. So wurde der Vorschlag eines „Erziehungsgehalts“ für Mütter vor allem deshalb abgelehnt, weil man darin die mögliche Verhinderung einer „richtigen“ Erwerbstätigkeit sah. Trotz der Marotte, vom Trauern über die Beziehungspflege bis zur Erziehung jede bewusste Anstrengung als Arbeit zu titulieren – richtig ernst genommen wird nur eine bezahlte Beschäftigung. Seinen Lebensunterhalt soll man im Doppelsinn auch verdienen.

Das Problem: Durch die Erhöhung der Produktivität wird tatsächlich immer weniger menschliche Arbeitskraft gebraucht. Der 1991 verstorbene Jesuitenpater und Wirtschaftsphilosoph Oswald von Nell-Breuning wies darauf hin, dass die „Verkoppelung von Arbeit mit Erwerb des Lebensunterhalts … eine verhältnismäßig junge“ und – wie er außerdem meinte – „problematische Angelegenheit“ sei. Mitte der 1980er Jahre schlug er vor, über eine radikale Reduzierung der Arbeitszeit auf einen Tag in der Woche nachzudenken, um die vorhandene Arbeit gerecht zu verteilen.

Die Zukunft ist offen
Die derzeit diskutierten Modelle eines bedingungslosen Grundeinkommens gehen noch einen Schritt weiter und wollen Arbeit und Lebensunterhalt klar voneinander trennen. Götz Werner schlägt dabei ein Einkommen vor, das über eine bloße Grundsicherung hinausgeht, sodass es auch ohne zusätzlichen Verdienst zum Leben reichen würde. Wenn niemand mehr arbeiten muss, davon ist Werner überzeugt, sucht sich jeder einen Arbeitsplatz, den er gern und gut ausfüllt, anstelle eines oft ungeliebten „Einkommensplatzes“.

Angesichts unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Überstunden auf der einen und Kurzarbeit auf der anderen Seite, klingt ein Teil der euphorischen Aufforderungen, sich doch endlich über die fortschreitende, von unangenehmer Arbeit „befreiende“ Automatisierung als Gelegenheit zum Aufbruch in die Tätigkeitsgesellschaft zu freuen, derzeit wie ein Trostpreis und Abstellgleis für die Verlierer des Arbeitsmarkts – und manche der Modelle sind wohl auch so gemeint. Eine Umgestaltung des Beschäftigungssystems, das nicht nur mit hohen Erwartungen, sondern auch noch mit den Kosten des Sozialsystems befrachtet ist, wird früher oder später wohl unausweichlich sein. Gelingen kann eine Neubewertung des Arbeitsbeitrags, den die Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwartet, jedoch nur, wenn sich für alle der Maßstab ändert, so wie das auch Götz Werner vorschwebt.

Derzeit findet zwar auch eine Neubewertung von bezahlter Arbeit statt, aber nicht auf die nette Art. Viele Unternehmen betrachten sich immer weniger als „Arbeitgeber“. Friedhelm Hengsbach beklagte im November 2008 gar die „Schändung des Arbeitsvermögens durch den Finanzkapitalismus“. Anstelle einer „fairen Verteilung“ des Gewinns auf die vier wichtigsten Ressourcen – Arbeit, Kapital, Umwelt und Infrastruktur –, die eine Wertschöpfung ermöglicht haben, werde nur „die Nutzung des Geldvermögens … möglichst komfortabel entgolten“. Die anderen drei Vermögen würden nur „als notwendig zu ertragender Aufwand ausgewiesen“. Arbeit sei keine Ware, betont Hengsbach immer wieder, sondern „die kostbarste Ressource gesellschaftsoffener Unternehmen“. Bevor die Träume einer neuen Arbeits- und Tätigkeitsgesellschaft verwirklicht werden können, muss offenbar erst einmal ein Rückfall in die asoziale Marktwirtschaft verhindert werden.

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