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Wochenende Männerfreie Zonen

18.02.2012


Beim Harfenspiel, als Hebammen und beim Synchronschwimmen sind Frauen weitgehend unter sich

Seit 1985 dürfen Männer Hebamme werden. Im ersten Moment eine merkwürdige Vorstellung. Wie nennt man eigentlich männliche Wesen in diesem Beruf? Hebammerich? Nein: Entbindungspfleger ist die korrekte Bezeichnung. In Deutschland gibt es nur ein Exemplar: Jens Unger in Dresden, der mit seiner Frau eine Hebammenpraxis betreibt.

Der uralte Beruf bleibt fest in Frauenhand. Oktavia Kamra, Hebamme, die in Radolfzell am Bodensee ein Geburtshaus betreibt, hat zunächst eine ganz einfache Erklärung dafür: „Die ganz andere Wesensart von Frauen. Frauen verstehen sich wortlos“. Männer könnten in besonderen Situationen wie einer Geburt keine Ruhe bewahren, sondern wollten dominieren, zupacken. Doch für Gebärende sei wichtig, dass die Hebamme sich zurücknehme, dass ihre Ruhe und Kraft sich auf die werdende Mutter übertrage, dass sie den Geburtsrhythmus nicht störe. Dass dies gewährleistet ist, belegt Oktavia Kamra mit dem schönen Satz: „Hebammen können eine Geburt lesen.“

Troubadix war Schuld Ruhe, Geduld – diese Vokabeln sind zu hören, sieht man sich überall dort um, wo kaum Männer zu finden sind. Konzertharfenisten zum Beispiel sind eine seltene Spezies. Dieses Instrument ist eine Frauen-Domäne. Warum das so ist? Doesjka van der Linden, 28, Harfenistin, sucht nach einer Erklärung. „Harfe braucht Zeit“. Und Konzentration. Für Mädchen, die das Instrument erlernen, sei das – im Gegensatz zu Jungs – eine Selbstverständlichkeit. Die neunjährige Mara Quednow, die bei van der Linden gerade Unterricht hat, liefert den Beweis. Hochkonzentriert übt die Schülerin des berühmten Jesuiten-Kollegs in St. Blasien im Hochschwarzwald gerade Friedrich Silchers „So nimm denn meine Hände“. Auch Mara sucht nach einer Erklärung dafür, warum sich hauptsächlich Mädchen an das Zupfinstrument wagen. Vielleicht, überlegt die Musikschülerin, hänge das damit zusammen, dass Engel oft mit Harfen dargestellt sind. Engel werden entweder als geschlechtslose oder junge männliche, oft aber auch als sehr zarte, gütige Wesen präsentiert. Das könnte tatsächlich ein Grund für die Anziehungskraft auf Mädchen sein.

Wie zur Bestätigung berichtet Maras Lehrerin von ihrem Impuls: Als Kind habe sie eine Harfenspielerin im Fernsehen erlebt. „Eine schöne Dame, im langen Kleid, mit langen Haaren“. Für Mara gab es ein ganz anderes Motiv, das etliche Kilogramm schwere Holzinstrument lernen zu wollen. Als sie noch sehr klein gewesen sei, habe sie im Comic „Asterix und Obelix“ den (Leier spielenden) Barden Troubadix entdeckt, und beschlossen, eines Tages besser zu spielen als dieser.

Heute ist die Niederländerin Doesjka van der Linden, die in Freiburg lebt, Konzert-Harfenistin und gibt ihr Wissen an Mädchen wie Mara weiter. Während ihres Studiums war weit und breit kein Mann zu sehen, der das schon dem biblischen König David oder dem altgriechischen Sänger Orpheus zugeordnete Instrument lernen wollte. Seit sie im Breisgau lehrt, hatte sie bereits zwei Schüler. Doch dieser Unterricht blieben kurze Episoden. „Die Chemie stimmte nicht“.

König David – also doch ein Mann, der in die Saiten dieses eleganten Instruments griff. Das geschah etwa 3000 Jahre v. Chr. auch im alten Ägypten und in Mesopotamien. Aus dieser Epoche sind Bilder von Frauen und Männern überliefert, die Harfe spielen. In Europa tauchen Darstellungen, die Damen an dem Instrument zeigen, erst Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Einen regelrechten Boom löste die französische Königin Marie Antoinette mit ihrem Faible für diese Musik aus. Doesjka van der Linden nimmt an, dass Frauen aus höheren Kreisen, denen zunehmend ein gewisses Maß an Bildung und Selbstständigkeit erlaubt wurde, so im Lauf der Zeit mit dem Instrument vor ein zunächst sehr überschaubares Publikum traten. Wann genau sie Männer in Orchestern an dem Instrument ablösten, lässt sich nicht genau feststellen. Vielleicht ist ein Grund für den Rückzug der Männer die Tatsache, dass die Harfe im Orchester keine tragende Rolle spielt.

Große Ausnahme sind die Wiener Philharmoniker, die bis 1997 keine Frauen im Orchester duldeten und erst in diesem Jahr die Zweite Harfe mit Anna Lelkes besetzten. Aus den Reihen dieser erzkonservativen Musiker-Gemeinschaft ging der Franzose Xavier de Maistre hervor, ein Virtuose an der Harfe, der schon lange gegen die Ansicht ankämpft, das Instrument tauge lediglich dazu, eine fast nur von Frauen besetzte Orchesternische zu füllen.

Ein Nischendasein führt auch ein ganz anderes Genre, das zumindest in Deutschland eine weitgehend männerfreie Zone ist: Synchronschwimmen. Dieser Zeitvertreib findet sich schon in der griechischen Mythologie. Es wird von Nymphen erzählt, die zur Erbauung der Menschen im Wasser Reigen vorführen und Figuren bilden. Aber auch im realen Leben sollen sich die alten Griechen und Römer an solchen Wasserspielen ergötzt haben. Vielleicht davon inspiriert, griffen einige sportlich veranlagte Menschen im frühen 19. Jahrhundert diese Idee auf. Es waren, natürlich, nur die Herren der Schöpfung, die Wasserballett tanzten. Frauen gehörten zu dieser Zeit bekanntlich ins Haus und hinter den Herd. Doch 1907 gründeten einige forsche Münchnerinnen den Verein „Isarnixen“, die erste deutsche weibliche Reigenschwimmgruppe.

Die Nixen und ihr Trainer Etwa ab dieser Zeit sind Frauen an Wettkämpfen im Synchronschwimmen beteiligt. Sie verdrängten die Männer allmählich. Heutzutage gibt es in Deutschland nur einen einzigen Verein für Synchronschwimmer. In Frankfurt haben sich homosexuelle Volleyballspieler dazu zusammengeschlossen. Seit den 50er-Jahren dominieren die Damen diese Sportart, die viel verlangt: intensives Training und gute körperliche Konstitution. Sie müssen gut tauchen können und Fähigkeiten haben wie Bodenturnerinnen, Eiskunstläuferinnen und Tänzerinnen. Ihr Sport ist als olympische Disziplin zugelassen. Männer schließt der Weltschwimmverband (Fédération Internationale de Natation (FINA) jedoch aus. Der Präsident stemme sich dagegen, berichtet Fred Meckes, der die Synchronschwimmerinnen des Schwimm- und Skiclubs Schwenningen (SSC) seit 30 Jahren trainiert. Der FINA-Obere, der Uruguayaner Julio Maglione, finde Männer in dieser Sportart schlicht „unästhetisch“.

Der deutsche Schwimmverband lässt Synchronschwimmer zu Wettkämpfen zu. Allerdings ist der Bochumer Niklas Stoepel dabei allein auf weiter Flur und schwimmt mit Frauen. Ein Exotendasein führt auch der Amerikaner Bill May, der als Solist in Damenreigen in Las Vegas im Cirque du Soleil auftritt. Er muss klasse sein. Die Weltmeisterinnen seien froh, dass er in ihren Wettkämpfen nicht mitmischen könne, weil sie um ihren Titel fürchten müssten, weiß Fred Meckes. Und wie kommt er zu diesem Sport? Ganz banal. Seine Schwester trainierte auch und bat ihn, den Ingenieur, technische Probleme mit der Unterwassermusik zu beheben. Er tat es und blieb bei den Nixen hängen.

Es lassen sich weitere (weitgehend) männerfreie Zonen finden. Floristen etwa sind eher eine Rarität. An Grundschulen und in Kindergärten sieht man Männer auch selten. Warum eigentlich? Seit Jahren haben wir ein Antidiskriminierungsgesetz. Männer könnten, wenn sie wollten, in Frauendomänen eindringen. Umgekehrt auch. Aber mal ehrlich – Pilotinnen oder Baggerfahrerinnen treten ja auch nicht in Scharen auf. So hat es sich eingespielt und wird vermutlich auch so bleiben.

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