undefined function box_wetterstadtdaten_sk_mm
Blitzmeldungen < 1 von 1 > weiter Fenster schließen
0 Blitzmeldungen
Region wählen
Tipps der Redaktion
Region wählen
Region wählen

Wochenende Im Laufschritt durch den Tiefschnee

09.01.2010
Artikel drucken


Die Pistenraupen zuckeln zurück in ihre Garagen. Höchste Zeit, schließlich wirft die Sonne bereits ihre ersten Strahlen ins Tal und Millionen funkelnde Schneekristalle begrüßen den Morgen. Perfekte Bedingungen, perfektes Skiwetter. Die ersten Snowboarder stapfen Richtung Bergbahn.

Auch die sechsköpfige Urlaubergruppe ist startklar. Natürlich fallen die ersten Schritte schwer und die fragenden, ungläubigen Blicke der Skifahrer lasten zusätzlich auf den Schultern. Keiner spricht aus, was alle denken: Was mache ich hier eigentlich? Die anderen Wintergäste ziehen ihre Schwünge über die Hänge, skaten am Inn entlang, wandern zum nächsten Gasthaus. Traditioneller Winterurlaub.

Die internationale Gruppe, angeführt von der ehemaligen Profi-Triathletin Fränzi Gissler, joggt ab jetzt drei Tage durchs schweizerische Unterengadin. Snow-Running nennt sich die neueste Spielart für Ski-Verweigerer. Und tatsächlich haben alle Mitglieder längst mit dem (alpinen) Skifahren gebrochen. Zu teuer, zu gefährlich, zu oft verletzt, zu viel Trubel lauten die Motive für den Ausstieg.

„Schaut, wir sind nicht die totalen Aliens“, ruft Fränzi Gissler so laut in die Winterlandschaft, als wollte sie damit die letzten Zweifel vertreiben. Zwei Jogger sind um die Ecke gebogen, kurz darauf folgt noch einer. Die Schweizerin bietet in ihrer „Laufschule Scuol“ alles an, was nichts mit Skifahren zu tun hat. „Die meisten Leute, die zu mir kommen, suchen Ruhe und Natur, haben die Nase voll von der Hektik auf der Piste. “ Jetzt joggt sie mit Urlaubern durch die Winter-Wunderwelt mit azurblauem Himmel und klarer Bergluft. Sie hat die Teilnehmer zu Beginn in Vorder- und Mittelfüßler sowie Fersenläufer eingeteilt und letzteren in ihrer Technikschulung auf die sanfte Weise mitgeteilt, dass sie im Schnee klar im Nachteil sind. Mit einer Teepause endet die Theoriestunde. Die Frauen entscheiden sich mehrheitlich für „Body-fit-Tee“. Es sind keine Anfänger dabei, alle nehmen regelmäßig an Wettkämpfen teil und zwei haben sogar Berglauf-Erfahrung.

Aber Snow-Running soll nicht in Extrem-Sport ausarten. Natürlich ist es für Flachländer, die zu Hause nur zwei Mal im Jahr eine Schneeschaufel brauchen, anstrengender durch 15 Zentimeter Neuschnee zu joggen. Vor allem am Hang geht es nur in Trippelschritten vorwärts und die Landschaft tröpfelt wie in einem Film vorbei, bei dem jemand auf die Zeitlupentaste gedrückt hat.

Dank Verschnaufpausen, Fotostopps, Tee trinken ist der Kurs allerdings näher an Wandern und Genießen als an Wettkampf und Durchbeißen.

Snow-Running ist die neueste Attraktion für Werbebroschüren der Marke „Aktivitäten abseits der Piste“, die für Touristiker in Zeiten von tödlichen Skiunfällen und Klimawandel zum Pflichtprogramm werden. Im Unterengadin nennt sich das Heftchen „54 ausgewählte Erlebnisse“. Wer sich tatsächlich im Urlaub für das nahe gelegene Wasserkraftwerk interessiert, kann jeden Dienstag an der kostenlosen Führung teilnehmen. Außerdem dürfen die Touristen beim örtlichen Metzger ins „Aromalabor“ eintauchen oder bei der Bio-Brauerei reinschnuppern.

Neu ist auch das Wandern ohne Gepäck von einem Hotel zum nächsten. In der Sommersaison ein alter Hut, übertragen auf den Winter ein mutiger Schritt. Gewagt hat ihn Ideengeber und Hotelier Edwin A. Lehmann. „Die Bewegung geht doch seit Jahren weg von der Piste“, sagt er. In der Nebensaison sinkt die Quote der Skifahrer in vielen Unterengadiner Hotels unter 50 Prozent, sagt denn auch Niculin Meyer von der Tourismus AG. Die Marketing-Strategen in Graubünden werben mit „dem vollen Programm abseits der Piste“: Kutschfahrten, Schneeschuhtouren, Snowbikes, Snowkites, Skifox oder Airboard. „Der Urlauber will alle Optionen“, erklärt Meyer.

Die Mitglieder der Snow-Running-Gruppe wollen nichts (mehr) von weiteren Optionen wissen. Zu Beginn des Kurses war nicht sicher, ob alle Teilnehmer die Jogging-Tour durchziehen. Nun bleiben die Langlaufski aber definitiv im Kofferraum. Für die Versicherungskauffrau aus Zürich, die für den Snow-Running-Kurs seit Jahren wieder mal einen Winterurlaub macht, war das ohnehin nie ein Thema. „Ich lebe fürs Laufen“, sagt sie und hofft darauf, ihre Technik zu verbessern. Sie zählt schon mal zu den Vorderfußläufern, die sich im Schnee leichter tun. Damit bleibt ihr Zeit am „optimalen Abstoß“ und am „Kniehub“ zu arbeiten. Lediglich die Angestellte aus Südtirol gibt zu: „Normalerweise bin ich im Winter auf der Langlauf-Loipe.“ Aber der Snow-Running-Kurs habe sie neugierig gemacht. Später sagt sie, sie wolle in Zukunft öfter mal mit ihren Gewohnheiten brechen. Technik und Langlauf sind der Schweizer Sekretärin hingegen schnuppe. „Ich dachte immer, man muss im Winter auf den Wegen bleiben. Tiefschnee war für mich undenkbar.“

„Freestyle“ wird zur Lieblingsdisziplin der Snow-Runner. Weg vom platt gewalzten Weg – zumindest bergab. Zum ersten Mal bekommt auch die Ausrüstung ihre Berechtigung: Gore-Tex-Schuhe und Wandergamaschen sollen trocken halten. Im Wald aber, wo sich Sonnenstrahlen zwischen den Wipfeln hindurch ihren Weg bahnen und Bäume die weiße Last zu Boden schütteln, während die Snow-Runner wie hastige Störche durch den hüfthohen Schnee laufen, kann selbst die beste Ausrüstung an ihre Grenzen stoßen. Die Züricherin hat nasse Füße bekommen. Obwohl dick bepackt mit Ersatzklamotten, die sie wie die anderen Teilnehmer in großen Jackentaschen und Rucksack verstaut hat, ist sie nicht gewillt, das Paar Ersatzsocken zu opfern.

Die größte Herausforderung wartet zum Finale. Weil so viel Schnee gefallen ist, müssen die Winterjogger die Piste passieren, um nicht in den Schneemassen eines unpräparierten Hanges unter zu gehen. Die Skifahrer schießen mit einem Affenzahn über die Piste. Aber einer bremst, nimmt die Brille ab und fragt: „Ja, wo habt Ihr denn Eure Ski gelassen?“

Wochenende im SÜDKURIER
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung