Wochenende Ganz sicher an der Grenze
Grenzerfahrung: Farid Touchi hangelt sich den Mount Arapiles (Australien) empor. Bild: Bild: privat
„Ich fühle mich so unsicher mit den Dingern“, sagt er. „Ich höre besser ohne Helm, ich sehe besser und wahrscheinlich falle ich auch besser.“ Fällt besser? Wie meint er das denn? „Ja, im Reflexverhalten fühle ich mich durch den Helm gehandicapt. Wissen Sie, das ist wie in der Medizin, das individuelle Risiko wird immer modifiziert.“
„Meine Frau kann übrigens auch nicht mit Helm fahren“, fährt er fort, „die Freude am Fahrradfahren geht uns mit Helm verloren.“ Sein Enkelkind dagegen, das der 69-Jährige regelmäßig auf dem Kindersitz seines Fahrrads zum Kindergarten bringt, trägt einen Helm, er sei ja auch prinzipiell für den Fahrradhelm, nur er sei ohne Fahrradhelm fitter.
Jederzeit Sicherheit. Auch auf den Skipisten sind immer mehr Fahrer mit Helm unterwegs. Der schwere Skiunfall des Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus, bei dem eine Frau zu Tode kam, löste in den Sportgeschäften einen wahren Helm-Boom aus.
Ganz klar, der Helm schützt. Genauso wie der Rückenprotektor, der Sicherheitsgurt, der Airbag. Und vielleicht werden wir irgendwann auch mit Helm Auto fahren, sicher ist sicher.
In anderen Ländern sieht man es lockerer. Stefan Blank, Reisejournalist aus Friedrichshafen, beschreibt, helmlos auf einer Harley unterwegs, folgende Straßenszene in seinem Buch „Bali mittendrin“: „Neben uns ein Moped, besetzt mit einer Familie. Papa fährt. Zwischen seinen Beinen sitzt der Haushund. Hinter Papa auf der Sitzbank haben es sich seine kleine Tochter und sein Sohn gemütlich gemacht. Hinten auf der Sitzbank die Mama mit einem großen Pappkarton auf dem Kopf. Den hält sie mit einer Hand fest. Mit der anderen hält sie sich am Sohn fest, der an seiner Schwester, die am Papa, nur der Hund sitzt einfach so da.“ Für den Gefahrenkitzel im Alltag braucht in Bali offenbar niemand eine Halfpipe.
Brauchen wir sie? Ist unser so sicheres Leben vielleicht langweilig?
„Man muss gefährlich leben“, hat Nietzsche geschrieben. Wie genau Nietzsche das gemeint hat, weiß Wolfgang Spohn nicht. Der Philosophie-Professor an der Uni Konstanz liebt zwar Nietzsches Sprache, hält ihn aber nicht für einen „systematischen Philosophen“ und hat sich daher als Philosoph wenig mit ihm befasst. Das gestiegene Sicherheitsbewusstsein sieht Spohn auch analog zum allgemein gestiegenen Wohlstand. Klar sei man mit den Kindern „tütteliger“ geworden, aber man habe ja auch mehr Gelegenheit dazu bekommen. Auch glaubt er, dass wir allgemein vorsichtiger und vernünftiger geworden sind. Ob das Mehr an Sicherheit auch zu einer höheren Risikobereitschaft führt? Eindeutig beantwortet er diese Frage nicht. „Jede Verbesserung im Alltag ist ambivalent.“
Ortwin Renn, Technik- und Umweltsoziologe an der Universität Stuttgart, stellt fest, dass die objektiven Risiken in unserem Leben zurückgegangen seien. „Wir leben tatsächlich immer sicherer. An eigentlichen Gefahrensituationen ist die Umwelt ärmer geworden“, sagt der Professor. Dass wir aber dennoch den Kick des Risikos suchen, „das ist uns evolutiv eingegeben“. So gibt er durchaus zu, dass beispielsweise die Teilnahme an der Tierhatz in den Straßen von Pamplona Glückshormone produzieren kann. „Durch das Bewältigen der Gefahren steigt unser Selbstwertgefühl.“ Es gebe ein „Grundbedürfnis nach Gefahrenbewältigung“. Ergo: Das Bedürfnis nach künstlichen Gefahren steigt: Wir werden Extremkletterer, Bungeejumper oder wirbeln mit dem Skateboard durch die Halfpipe.
Dass in Einzelfällen Sicherheitsvorkehrungen wie etwa der Fahrradhelm auch die Risikobereitschaft des Radfahrers erhöht, könne zwar sein, aber in der Gesamtschau treffe dies sicher nicht zu. Die Zahl der Verletzungen geht durch den Fahrradhelm drastisch zurück.“
Von Risiko spricht Farid Touchi überhaupt nicht. Der 37-jährige Jugendbundestrainer im Sportklettern, zugleich Sport- und Französischlehrer in Villingen, sagt: „Das, was wir machen, ist überhaupt nicht gefährlich. Es gibt wenig unvorhersehbare Gefahren.“ Um was es gehe, sei die Grenzerfahrung, körperlich und mental fordernde Situationen zu bewältigen, die man sich bewusst aussucht. Schwerstmögliche Routen zu schaffen, die einem alles abverlangen, das sei im Sportklettern das höchste der Gefühle. Freesolokletterer, die sich ganz ohne Seil in den Fels wagen, seien die absolute Randerscheinung unter den Kletterern. Er gesteht diesen Extremisten zu, ganz intensive Momente zu erleben, ist sich aber sicher, „dass die nach zwei, drei Mal damit aufhören, bevor die Ausnahme zur Routine wird“. Will heißen: Soviel Spannung hält kein Mensch auf Dauer aus. „Wer das regelmäßig macht betreibt Harakiri“, so Touchi.
So sind seine Schützlinge nicht drauf: „Ich klettere mit den besten Mädels und Jungs in Deutschland, die klettern in den höchsten Schwierigkeitsgraden, machen aber die am wenigsten gefährlichen Sachen.“ Glücksgefühle haben sie dennoch: „Klettern ist eine emotíonale Sache. Am Fels und sogar an der Kunstwand gibt es keine Zeitkategorie, man ist vollkommen eins mit dem eigenen Tun“, sagt Touchi. Weder Seil noch Haken mindern dieses Glücksgefühl. Und wenn Farid Touchi dann vom Training mit dem Fahrrad nach Hause fährt, trägt er übrigens einen Helm. Mittlerweile. Als Vater zweier kleiner Kinder.
