Mein

Wochenende Elend über der Stadt

06.08.2011


Der 23-jährige Zeshen Fong kann sich glücklich schätzen. Vielleicht ist er es auch: Er studiert an der Hong Kong Polytechnic University, ist ehrgeizig, kritisch, hat ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein und einen Sinn für Gerechtigkeit.

Nicht zu vergessen seinen MP3-Player. Zeshen hat einige Schulbücher, und beim lauten Üben der schwierigen Aussprache des chinesischen Mandarin-Dialektes stört ihn niemand. So wie er niemanden stört. Hier, über den Dächern von Hongkong mit Blick auf die große Stadt, einem Fenster zur weiten Welt. Zeshen hat nur ein Problem: Er gehört einer aussterbenden Spezies an – den Roof Top Communities in Hongkong.

Die Baubehörde Hongkongs als „Sonderverwaltungsregion der Volksrepublik China“, hatte 2001 mit einem offensichtlich dehnbaren Sieben-Jahres-Plan beschlossen, den Roof Top Communities den Garaus zu machen. Im Jahr 2000 waren es noch 20 000 Menschen, die auf den Dächern lebten – teilweise seit Jahrzehnten. Heute sind vielleicht 4000 bis 5000 übrig, die ganz oben wohnen, in Verdienst und Ansehen aber ganz unten sind. Jobs haben sie seit den 1950er Jahren nach Hongkong gelockt. Die gab es genug, Wohnraum keinen. So eroberten sie die Dächer. Die Hongkonger Regierung erkannte das Problem und gab den Dachbesetzern einen offiziell klingenden Namen: Roof Top Communities oder RTC. Die Mitglieder der RTC toppten mit ihren Hütten auf Hochhäusern das jeweilige Penthouse. Meist aber beengt in winzigsten, stickigen Kammern, zu viele Menschen auf zu wenig Quadratmeter, unter asbestverseuchten Platten und löchrigen Planen, durch die sowohl Regen als auch Kälte als auch Hitze dringen. Aber immerhin ein Dach. Und ein Dach über dem Kopf ist teuer in Hongkong. Hier leben sieben Millionen Menschen auf allerkleinstem Raum: pro Quadratkilometer gut 6500. Berlin kommt auf 3800.

Zeshen Fongs Dach befindet sich in Tai Kok Tsui, Teil des Yau Tsim Mong-Distrikts, einem touristisch wenig erschlossenen Bereich in Kowloon. Li Tak Street wäre die korrekte Adresse, wenn Zeshen öffentlich darüber sprechen würde. Dann könnte er erzählen, dass die Dachfläche 1145 Quadratmeter beträgt, dass diese 1145 Quadratmeter eigentlich ein Verbund aus drei fast identischen Wohnblocks mit ursprünglich sechs Treppenaufgängen sind, vier davon sind noch frei zugänglich. Noch.

Denn das städtebauliche Gesicht Hongkongs soll sich laut Stadtentwicklungsbehörde komplett verändern, Gebäudeblocks aus den 1960er bis 1980er Jahren sollen neuem Wohnraum weichen. Aber genau hier leben die Roof Tops Communities. Also weg mit den provisorischen Unterkünften aus Beton und Ziegeln oder Holz und Wellblech. Weg mit den eigentlich illegalen Unterkünften, bisher weitgehend toleriert, häufig amtlich anerkannt, oft erste und letzte Zuflucht für Migranten vom chinesischen Festland oder aus Südostasien. Zwar mit Strom- und Wasseranschluss, Postzustellung und Steuerpflicht, aber immer irgendwie illegal, nicht wirklich erwünscht. Wohnsilos sollen entstehen – mit mehr als 30 Stockwerken inklusive eisgekühlten Shopping Malls. Nicht ohne Grund gilt Hongkong als „coolest air-conditioned place on the planet“.

Die heiße Wohnung von Familie Fong: Neun Quadratmeter. Kleine Küche, kleine Toilette mit kleiner Dusche, über dem Hauptraum ein Zwischenboden. Eine Leiter führt hinauf. Oben Vater, Mutter und die Tochter. Unten Zeshen und seine Freundin. Auf Zeshens Dach lebten einmal mehr als 35 Haushalte mit bald 150 Personen, heute sind zehn Haushalte übrig. Noch. Denn es werden täglich weniger. Rund 80 Prozent der Wohnungen im gesamten Block sind bereits verkauft oder geräumt, fertig zum Abriss. Für Hongkonger Verhältnisse uralt, stammen die Häuser aus dem Jahr 1959.

Die Fongs haben als so genannte „Neue Immigranten“ keine Chancen auf eine Sozialwohnung. Sie sind zwar nicht illegal eingereist und gelten als legale Einwohner Hongkongs. Aber sie können sich nicht über eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis freuen. Denn diese gibt es erst nach sieben Jahren leben und arbeiten in Hongkong. So lange sind die Fongs eben „Neue Immigranten“: Sie dürfen hier leben, sie dürfen hier arbeiten, aber sie dürfen nicht wählen und keinen Ausweis beantragen. Damit nicht genug: Um in den Genuss einer Sozialwohnung zu kommen, muss mindestens die Hälfte der Familienmitglieder eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben. Daher hält sich Zeshen bedeckt und den Ball flach. Nur keinen Ärger bekommen.

Mit Plünderern zum Beispiel, die die Dächer als Spielwiese entdeckt haben. Die Diebstähle zermürben die Dachbewohner zusätzlich, tags und nachts. Selbst Wasserrohre werden gestohlen und beim Metallhändler zu Geld gemacht. Und der nächste Taifun mit seinen Zerstörungen kommt bestimmt.

Oder Ärger mit Vermittlern und Immobilienmaklern, die immer wieder über das Dach laufen. Auch Zeshens Familie bieten sie fast täglich Abfindungen an, damit sie die Hütte räumen. Doch Zeshen ist sich nicht sicher, ob und wann er zustimmen soll. Letztes Jahr ist sein Vater gestorben, gerade 52 Jahre alt, und Zeshen ist jetzt das Oberhaupt der Familie. Große Verantwortung lastet auf seinen schmalen Schultern. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Bis dahin aber nagen die Abrisskolonnen der Immobilienhaie an den Hütten.

Daran erinnert sich Zeshen gut: Das Hämmern, das Brechen von Holzplatten und das Splittern von Glas, das ging durch Mark und Bein. Die Bewohner verkrochen sich ängstlich oder liefen aufgeregt durcheinander. Denn so eine Hütte steht nur stabil, wenn die Nachbarhütte auch steht. Sie lehnen sich aneinander, wie die Mitglieder der Roof Top Communities früher. Man konnte sich aufeinander verlassen. Heute aber bestehen kaum noch nachbarschaftliche Beziehungen, jeder lebt sein eigenes Leben auf dem Dach. Die Ratten, die Hitze, der Regen – die Angst vor dem Abriss geht um. So verlieren die Roof Top Communities ihre Heimat, sie sterben aus: Hütte für Hütte, Meter für Meter, Mensch für Mensch.

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