Mein

Thema der Woche Morgenstund' hat Gold im Mund

16.10.2008
Schlagwörter


Jugendliche, die morgens gern länger schlafen würden, haben es in der Schule schwerer als früh hellwache Altersgenossen - das spiegelt sich auch in den Noten wider.

Dass Morgenstund' Gold im Mund hat, ist eine alte Redensart, die nicht schon deshalb stimmen muss. Nicht selten nämlich hat Morgenstund' einen offenen Mund - man könnte auch sagen: einen zum Gähnen aufgerissenen Rachen. Vor allem Jugendliche tun sich morgens schwer, aus den Federn zu kommen - und nutzen die Wochenenden dazu, sich endlich mal so richtig auszuschlafen.

Auch wenn die Eltern so genannter Schlafmützen das nicht immer gern sehen oder mangels eigener Schlafkunst gar neidvoll beäugen - die Wissenschaft weiß seit längerem, dass Jugendliche beim Schlafen "in den Tag hinein" lediglich ihrer Natur freien Lauf lassen. Keineswegs aasen sie dabei faul herum, wie gerade in Deutschland gern behauptet wird, wo sich jeder verdächtig macht und angeblich das Volkseinkommen schmälert, der länger als sechs oder sieben Stunden schlummert.

Chronobiologen und medizinische Psychologen, die den Einfluss der inneren Uhr auf Schlafmuster untersuchen, haben inzwischen einige gute Argumente beisammen, um ihre Forderung nach späteren Schulzeiten vor allem in den höheren Klassen zu begründen. Die üblichen Schulzeiten belasteten Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren viel schwerer als jüngere Kinder, sagt Professor Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Jugendliche vor 9 oder 9.30 Uhr zu unterrichten, ist ziemlich kontraproduktiv", befindet der Chronobiologe.

In dieses Horn stößt auch eine Studie des Leipziger Biologie-Didaktikers Christoph Randler. Ihr zufolge ist das deutsche Schulsystem klar auf Frühaufsteher zugeschnitten. Für Durchschnitts-Schüler liege der Schulbeginn "schlichtweg zu früh". Und das hat offenbar eine provozierende Konsequenz: Frühaufsteher erzielen - aus welchen Gründen auch immer - die besseren Noten.

Randler hat zunächst versucht herauszufinden, ob die von ihm befragten Studierenden eher "Eulen" sind, also Abend-Typen, oder "Lerchen", gern früh aufstehende Morgenmenschen. Dazu mussten die Teilnehmer der Studie angeben, welche Erfahrungen sie üblicherweise mit Schlafen und Wachsein, Munterkeit und Müdigkeit machen.

Randler erfuhr so zum Beispiel, wann die Studenten bei absolut freier Zeiteinteilung aufstehen und zu Bett gehen würden oder in welchen Stunden im Lauf des Tags sie sich geistig oder körperlich besonders fit fühlen. Der Leipziger Forscher wollte das Problem "nicht soziologisch oder psychologisch, sondern biologisch" beleuchten.

Sein Ergebnis: Ab der Pubertät gehören die meisten Menschen zu den Langschläfern. In jüngeren Jahren ist der Anteil der Frühaufsteher größer, und so wird es auch wieder etwa ab dem 30. Lebensjahr, wie andere Studien gezeigt haben und wie es die Lebenserfahrung bestätigt. "Es hat also auch biologische und hier vorrangig hormonelle Ursachen, dass Jugendliche früh schwerer in Gang kommen als der Rest der Familie oder ihre Lehrer", berichtet Randler.

Der Wissenschaftler wollte obendrein noch herausfinden, inwieweit zwischen den schulischen Leistungen und dem Bio-Rhythmus junger Leute Zusammenhänge bestehen. Dazu befragte er dieselben Studenten auch nach ihren Abitur-Noten. Und siehe da: Die bekennenden Frühaufsteher hatten deutlich bessere Zeugnisse in der Tasche.

"Das heißt allerdings keinesfalls, dass sie intelligenter sind, systematischer oder disziplinierter gelernt haben", deutet der Biologe diesen Befund. "Es heißt nur, dass diese jungen Leute das Glück hatten, in jenen Stunden des Tags herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren." Die Mehrzahl der Schüler und Studenten sei "da einfach noch nicht wach". Randler hat das als Dozent selbst leidvoll erfahren: "Wer morgens um halb acht in eine zehnte Klasse oder in einen Hörsaal schaut, dem tut sich nämlich ein schreckliches Bild auf."

Abends einfach früher zu Bett zu gehen, um am nächsten Morgen fit zu sein, ist ein beliebter Rat älterer Erwachsener. "Aber das funktioniert nur begrenzt", nimmt Randler die Abendmenschen in Schutz. "Da können die einfach noch nicht einschlafen. Und den Schlaf zu erzwingen, funktioniert noch weniger, als das Wachsein irgendwie aufrecht zu erhalten."

Das sieht auch Till Roenneberg so: Der Einschlaf-Reiz komme bei Jugendlichen nun mal "spät in der Nacht". Der Chronobiologe findet, "dass Heranwachsende und junge Erwachsene außerordentlich profitieren würden, wenn ihre innere Uhr stärker berücksichtigt würde". Dazu gehöre unter anderem die Anpassung der Schulzeiten - "vor allem bei Jugendlichen zwischen 15 und 25".

Weiter verschärft wird das Müdigkeits-Problem laut Roenneberg dadurch, dass Menschen, die permanent gegen ihre innere Uhr anleben, morgens nur wenig Appetit haben und - auch aus Zeitdruck - oft ohne Frühstück zur Schule oder Universität gehen.

Ein Fragezeichen hinter seinen Schlussfolgerungen räumt Biologe Randler jedoch ein: Noch unklar ist nämlich, ob die schlechteren Schulergebnisse von natürlichen Langschläfern wirklich eine Folge des abrupten, von rasselnden Weckern ausgelösten Erwachens bei bleibender großer Müdigkeit sind. Denn es wäre möglich, dass Frühaufsteher bessere Ergebnisse erzielen, weil sie insgesamt aufgeweckter sind, also mehr unter Strom stehen und Dinge nicht treiben lassen, sondern die Kontrolle behalten möchten - auch über ihren Lernerfolg.

Sie wären dann also nicht nur deshalb besser, weil sie morgens eher ausschlafen können. Vielmehr wäre das frühe Erwachen ein weiterer Ausdruck ihrer "inneren Alarmiertheit" (Englisch: alertness) und Wachsamkeit (Englisch: vigilance). Randler zufolge sei man noch "einige Schritte davon entfernt", hier Genaueres sagen zu können - weshalb er es "sinnvoll" fände, Faktoren wie Aufgewecktheit und Wachsamkeit bei weiteren Untersuchungen zu berücksichtigen. "Es gibt sogar Hinweise", fügt der Biologe hinzu, "dass Intelligenz mit diesen Dingen korreliert."

Für Randler haben die bisherigen Befunde auch gesellschaftliche Dimensionen. Immerhin müssen sich Abiturienten mit ihrem Zeugnis an Universitäten bewerben, wobei es Abend-Typen angesichts ihrer schlechteren Noten-Durchschnitte schwerer haben.

Doch bisher hat das kaum einen deutschen Kultusminister beeindruckt - auch wenn Baden-Württembergs Regierungs-Chef Günther Oettinger (CDU) 2006 den Vorschlag machte, die Schule morgens eine halbe oder ganze Stunde später beginnen zu lassen. Was freilich nicht so einfach ist - weil das auch einen flexibleren Arbeitsbeginn der Eltern und eine bessere Mittagsbetreuung erfordern würde.

Früh aufzustehen lässt sich manchmal nicht vermeiden. Haben Sie Tipps, wie man aus den Federn kommt? Diskutieren Sie mit auf http://wochenende.suedblog.de

Tipps für Eltern von Schulkindern

Der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley rät Eltern, folgende Regeln einzuhalten, um ihren Kindern ausreichend erholsamen Schlaf zu ermöglichen und sie "wohlig schläfrig, nicht übermüdet und aufgekratzt" zu Bett bringen zu können:

- Die Kinder sollten jeden Tag, vor allem bis zur Pubertät, zur gleichen Zeit schlafen gehen - das gilt auch am Wochenende. Einzige Ausnahme sollte der Freitagabend sein.

- Damit der Tag eine feste Struktur hat, ist es ratsam, wenn die ganze Familie möglichst vor 19 Uhr gemeinsam zu Abend isst.

- Zeit zum Abschalten ist notwendig - am besten mit Ritualen, wie dem Vorlesen unaufregender, angenehmer Geschichten.

- Fernsehen vor dem Einschlafen ist Experten zufolge eher kontraproduktiv. Man sollte besser zur Ruhe kommen.

- Eltern sollten ihre Kinder niemals zur Strafe ins Bett schicken, denn sonst kann es das Schlafengehen nicht als etwas Positives verinnerlichen. "Wirklich gut schläft nur, wer den Schlaf als angenehm erlebt", schreibt Experte Jürgen Zulley.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln