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Konstanz 

01.11.2007  .

Das Leben geht weiter - aber wie?

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Vor sieben Jahren ist Karin Endres' Tochter tödlich verunglückt. Sie hat gelernt, mit dem Verlust zu leben, ganz fertig wird sie damit wohl nie.

Karin Endres hält die Erinnerung an ihre Tochter lebendig.
Theresa Ruppert

In wenigen Sekunden kann sich alles verändern. Oft ist es nur ein Moment, und das Leben, so wie es war, ist zu Ende und ein neues, ganz anderes Leben, das man nicht haben will, beginnt.

Für Karin Endres begann dieses neue Leben in den frühen Morgenstunden des 24. Oktober des Jahres 2000. Ihre Tochter Anja verließ kurz nach sechs Uhr die Wohnung, um ihren Freund nach Hause zu fahren. Normalerweise wäre sie nach einer Stunde wieder zurück gewesen, um mit ihrer Mutter zu frühstücken. Aber sie kam nicht.

Nach einiger Zeit wurde Karin unruhig. Sie ging hin und her, schaute durchs Fenster, wartete darauf, dass Anjas Auto um die Ecke bog. Sie versuchte, Anja über das Handy zu erreichen, wählte ihre Nummer, immer wieder. Keine Antwort. Irgendwann meldete sich dann doch eine Stimme. Aber es war die Stimme eines Mannes, eines Polizisten. Er teilte Karin mit, es sei etwas passiert, mehr könne er jetzt nicht sagen, und sie solle zur Polizei-Dienststelle kommen.

Dunkelheit im Leben

Als Karin dort ankam, wurde sie in einen kleinen Raum geführt. Sie erinnert sich noch, dass sich ein Mann neben sie auf den Boden kniete und sagte: "Die Anja hatte einen Unfall." Karin fragte: "Wo ist sie denn?" Der Mann, ein Notfallseelsorger, sagte leise: "Anja ist tot." Was danach passierte, daran erinnert sich Karin nur bruchstückhaft.

Sie weiß nicht mehr, wie sie nach Hause kam. Aber sie war dann dort, der Seelsorger auch, ihr Mann, der von seiner Arbeitsstelle geholt worden war, ihre ältere Tochter und ihr Schwiegersohn. Drei Stunden später durfte Karin mit ihrer Familie zu Anja. In der Leichenhalle stand ein Behelfssarg, darin lag ein blauer Plastiksack. "Als sie den Reißverschluss öffneten, fingen wir an zu schreien", erinnert sie sich.

Im Auto, mit dem Anja verunglückt war, lagen noch die Brötchen, die sie für das gemeinsame Frühstück mit ihrer Mutter besorgt hatte. Den ersten Tag überstand Karin nur mit Beruhigungsmitteln. Die nächsten Tage versuchte sie, zu verstehen, was passiert war. Aber sie verstand es nicht. Sie spürte nur, dass es in ihrem Leben dunkel wurde. "Ich war müde, konnte aber nicht schlafen", sagt sie. "Ich fühlte mich, als ob ich ein Geist wäre. Und es hat mich nichts mehr interessiert, gar nichts mehr. Ich konnte nur noch an Anja denken."

"Das Schlimmste waren die Gerüchte"

Anja war gerade 18 Jahre alt, als sie starb. Sie hatte nach der Schule eine Ausbildung zur Bäckerei-Fachverkäuferin begonnen. "Sie war verlässlich, hat uns nie Sorgen gemacht", berichtet ihre Mutter. "Sie war für ihre Freunde da, wenn sie Probleme hatten. Einmal hat sie ein Kind im Schwimmbad vor dem Ertrinken gerettet. Aber ihr konnte niemand helfen."

Sie liebte Musik, Inline-Skating, Tanzen. "Anja war lebensfroh, hat immer gelacht." Sie lacht noch immer, auf zahlreichen Fotos, die überall in der Wohnung hängen. Anja war ein schönes Mädchen. Sie wollte sich bei einer Model-Agentur bewerben. Sie tat es nicht - ihren Eltern zuliebe, die es nicht gern gesehen hätten. Auf einem Notizzettel, den Anja geschrieben hat und der heute in der unteren Ecke eines Fotos steckt, steht: "Mama, ich hab' dich lieb!"

Warum ihre Tochter verunglückt ist, weiß Karin heute noch nicht. Aus dem Unfallbericht geht hervor, dass sie mit ihrem Ford Fiesta aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn abkam, gegen einen Baum geschleudert wurde und noch an der Unfallstelle starb. Das Foto in der Zeitung, auf dem neben dem zerstörten Auto ein Teil des Plastiksacks zu sehen war, in dem Anjas toter Körper lag, hat Karin damals sehr aufgewühlt und verletzt.

"Das Schlimmste aber waren die Gerüchte", sagt Karin. Es wurde erzählt, Anja hätte während des Fahrens wohl telefoniert, sie hätte Drogen genommen, oder sie sei vielleicht schwanger gewesen. "Nichts davon ist wahr", ärgert sich die heute 50-Jährige. "Ich wollte damals überhaupt nicht mehr in die Stadt gehen. Entweder durchlöcherten mich die Leute mit ihren Blicken, oder sie gingen mir aus dem Weg."

Weiter Teil des Lebens

Von manchen Menschen fühlte sich Karin im Stich gelassen. "Wenn es einem schlecht geht und man gemieden wird - das ist schlimm. Trauernden aus dem Weg zu gehen, ist das Falscheste, was man tun kann", sagt sie. "Früher wurden mein Mann und ich oft zu Geburtstagen eingeladen. Plötzlich kam nicht mal mehr ein Anruf. Einmal wurden wir eingeladen und saßen dann allein am Tisch. Wir kamen uns vor, als ob wir Lepra hätten." Ein anderes Mal sagte jemand zu Karin, sie hätte zu viele Fotos von Anja in der Wohnung hängen. Dabei sind ihr die Bilder ein großer Trost. Denn sie zeigen, dass Anja weiter ein Teil ihres Lebens ist.

In der ersten Zeit nach Anjas Tod war Karin fast nur mit sich selbst beschäftigt. Aber Menschen, mit denen sie über ihre Trauer sprechen konnte, taten ihr gut. "Meine ältere Tochter und ihr Mann gaben uns Halt, obwohl sie selbst schwer zu kämpfen hatten", sagt Karin. Auch auf ihre Schwester konnte sie zählen oder ihre Schwägerin, die ihr Zeitungs-Artikel oder Bücher über Trauer brachte, sich mehrmals die Woche meldete, Einladungen aussprach oder auch selbst zu Besuchen vorbeikam.

Sechs Jahre lang ging Karin in eine Selbsthilfegruppe für trauernde Eltern. An den Satz einer Mutter, deren Tochter gestorben war, erinnert sie sich noch gut: "Du wirst sehen, es wird anders. Du wirst irgendwann wieder den Mut haben zu leben." So weit ist Karin noch nicht. "Ich weiß nicht, ob mein Leben jemals wieder richtig lebenswert wird", sagt sie. Aber der Satz machte ihr Hoffnung.

Fünf Jahre nach Anjas Tod wurde Karin von ihrer älteren Tochter auf Gedenkseiten im Internet aufmerksam gemacht, die Eltern für ihre toten Kinder eingerichtet hatten. "Als ich die Geschichten las und die Fotos sah, wusste ich gleich: So etwas möchte ich auch, um an Anja zu erinnern", sagt Karin. Mit Hilfe ihrer Tochter und eines Computer-Experten erstellte sie die Gedenkseite für Anja (www.anja-endres.com). Fotos aus Anjas Leben sind dort zu sehen, Briefe von Freunden, Gedichte und anderes mehr.

Die Erinnerung lebendig halten

"Es ist eine Möglichkeit, an Anja zu erinnern und sie so auf gewisse Weise lebendig zu halten", sagt Karin. "Seit wir diese Gedenkseite haben, geht es mir viel besser." Das liegt auch daran, dass Karin durch die Website viele Kontakte zu anderen Trauernden knüpfen konnte. "Es sind mindestens zehn Freundschaften entstanden mit Eltern, die ebenfalls ein Kind verloren haben", sagt sie. Immer wieder melden sich Menschen bei ihr, aus ganz Deutschland. Bei vielen liegt der Tod ihres Kinds erst kurze Zeit zurück. "Ich bin froh, wenn ich durch Rat oder Zuhören helfen kann." Karin ist inzwischen stark genug, das zu tun. So hilft ihr die Unterstützung, die sie anderen Trauernden gibt, dabei, mit ihrer eigenen Trauer zu leben.

"Sie fehlt uns 2566 Tage" ist heute auf der Gedenkseite für Anja zu lesen. Jeden Tag fehlt sie einen Tag mehr. Mehr als sieben Jahre sind nun seit Anjas Tod vergangen. Das Leben geht weiter. Aber wie? "Am Anfang glaubte ich nicht, dass ich mit meiner Trauer leben kann, dass sich überhaupt irgendetwas verändert", sagt Karin. "Es tat so weh. Ich wollte auch sterben und dachte: Ich muss doch zu ihr!"

Vieles, was früher "normal" gewesen war, störte sie nun, machte sie fast ärgerlich. Denn in ihrem Leben war nichts mehr normal. "Ich konnte lange nicht mehr fernsehen oder Radio hören", sagt sie. Heute ist es anders. Während unseres Gesprächs läuft das Radio leise im Hintergrund. "Das war eines von Anjas Lieblings-Liedern", sagt Karin plötzlich, als "Shine" von Vanessa Amorosi gesendet wird. Die Erinnerung besteht aus unzähligen Einzelheiten. Einzelheiten, die immer präsent sind und nur darauf warten, abgerufen zu werden.

Akzeptieren lernen

Es dauerte gut drei Jahre, bis sich Karin wieder für die Welt um sich herum zu interessieren begann. Vergangenes Jahr ist sie nach über sechs Jahren zum ersten Mal wieder mit ihrem Mann in den Urlaub gefahren. Wenn sie an den Tod ihrer Tochter denkt, die so jung war, empfindet sie das Leben als ungerecht. "Akzeptieren kann ich Anjas Tod noch immer nicht. Aber ich habe gelernt, damit zu leben, lerne es immer noch. Ganz fertig werde ich damit wohl nie."

Anjas Zimmer sieht fast noch genauso aus, wie sie es verlassen hat. In einer Ecke stehen ihre Inline-Skater. Das Zimmer ist ein wichtiger Ort für Karin, ebenso Anjas Grab. "Ich gehe jeden Tag zum Friedhof. Ich fühle mich Anja dort nah, habe das Gefühl, etwas für sie zu tun, wenn ich das Grab schmücke." Einmal, erzählt Karin, habe ihr eine Frau gesagt, als sie gerade frische Blumen aufs Grab stellte, das rentiere sich doch gar nicht, bei der Hitze. "Wir würden unserer Tochter auch gern etwas anderes kaufen", sagt sie. "Aber wir können es nicht. Wir können ihr nur noch Blumen kaufen."

Auf der Gedenkseite für Anja im Internet ist zu lesen: "Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt." Darunter sind drei Fotos zu sehen: eines von Karin, eines von ihrem Mann, in der Mitte eines von Anja, auf dem sie lächelt. "Sie hatte immer ein so schönes Lächeln", sagt Karin, und ihr Blick geht nach innen.

Das Bild ihrer Tochter ist auf einem goldenen Oval eingelasert, das sie an einer Kette um den Hals trägt. Karin denkt auch an das, was sie hat: an ihren Mann, ihre ältere Tochter und andere Menschen, die ihr nahestehen. Aber am meisten denkt sie an Anja. "In meinem Leben ist sie der Mittelpunkt", sagt sie, "obwohl sie tot ist."


Buch-Tipp:

Herbert Scheuring: Mit der Trauer leben. Von Abschied und Neubeginn, ISBN: 978-3-4290-2960-9, 9,95 Euro.

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Autor: Herbert Scheuring
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