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Wochenende Peter Schmidt, Autist

Peter Schmidt lebt anders als die anderen. Seit drei Jahren kennt der 44-Jährige die Ursache.

Ein Autist erforscht die Liebe:Im Tagebuchseiner künftigenFrau Martinaversucht Peter Schmidt, die Stufen der Verliebtheitund der Liebein ein Diagrammzu fassen.
Ein Autist erforscht die Liebe:Im Tagebuchseiner künftigenFrau Martinaversucht Peter Schmidt, die Stufen der Verliebtheitund der Liebein ein Diagrammzu fassen. | Bild: Bild: Jens Höhner

Peter Schmidt mag sich nicht setzen. „Kein sauberer Ort“, urteilt er. Die grünlich schimmernde Patina auf der Gartenbank schreckt ihn ab. Endlich wagt er einen Schritt vorwärts. Sein ganzer Körper steht unter Spannung. Und sofort macht er einen noch größeren Schritt zurück. Sein Oberkörper wippt. Scheinbar plötzlich nimmt er doch Platz zum Gespräch, aber die Anspannung weicht nur langsam.

Die Fahrt nach Braunschweig ist für den 44 Jahre alten Mann aus Gadenstedt im Landkreis Peine eine Reise in die Vergangenheit: Dort hat vor drei Jahren eine Diagnose sein Leben für immer verändert. Er ist Autist. Er hat das Asperger-Syndrom. Heute hält Schmidt Vorträge über das Leben damit, so auch diesmal. Schmidt gilt als hochintelligent, einen Doktortitel hat er, er arbeitet in der IT-Abteilung eines Pharmakonzerns. Im Gegensatz zu vielen anderen Asperger-Autisten begreift Schmidt seine Situation, kann sie reflektieren.

Die Zuhörer lachen oft, wenn Peter Schmidt und seine Frau Martina (38) aus ihrem Eheleben erzählen. Vieles wirkt komisch. Doch gerade das Alltägliche bedeutet oft höchste Anstrengung. So kann etwa ein Mohnbrötchen eine Krise auslösen: „Ich hatte ihm das falsche Brötchen auf den Teller gelegt“, erinnert sich Martina Schmidt. „Das Brötchen, das ich bereits gegessen hatte, hatte die schöneren Berge.“ Ihr Mann ist außer sich. Denn Landschaften, vor allem Gebirge, sind sein Ein und Alles, von „Spezialinteresse“ sprechen die Autismus-Forscher. Sein Leben begreift Peter Schmidt als Fahrt auf einer endlosen Straße. Sein Leitspruch lautet: „Wer neue Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen.“

Jener Satz stammt aus der Schulzeit, als sich der Junge endgültig den Zwängen der Kindheit beugen muss. Dabei hat er doch im Alter von vier Jahren beschlossen, dass er nicht von dieser Welt ist. Da gründet er den Staat „Geolucia“ und erklärt die Unabhängigkeit. In seinem Heimatort ist Peter Schmidt der „kleine Professor“, der jeden Planeten kennt und alles weiß über die Sterne, der Pilze und Kakteen liebt. Er ist ein liebenswerter Sonderling, nicht mal die Eltern schöpfen Verdacht.

„Es hieß zu der Zeit immer, dass Autisten nicht sprechen und sich abschotten“, erklärt der Niedersachse. Dass er etwas wunderlich und gern allein ist, begründen die Eltern damit, dass der Sohn mit Morbus Hirschsprung, einem fehlentwickelten Dickdarm, zur Welt gekommen ist und die ersten fünf Monate nach der Geburt im Krankenhaus verbringen musste. Trotz aller Schwierigkeiten schafft Peter Schmidt die Schule mühelos, später auch das Abitur. Er studiert in Clausthal und promoviert in Kiel. Erst die Diagnose im Erwachsenenalter zeigt ihm, dass nicht die anderen anders sind, sondern dass er es ist, dass er tatsächlich in einer Art Parallelwelt lebt.

Peter Schmidt hat einen Leitspruch:Wer neue Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen.“
Peter Schmidt hat einen Leitspruch:Wer neue Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen.“

„Ein Schock“, bekennt Schmidt. Mit einem Schlag sei ihm klar geworden, warum mancher Traum einfach nicht in Erfüllung gehen konnte. „Ich wollte in der Wissenschaft arbeiten, tolle Dinge erforschen“, sagt der Geophysiker. Aber das bleibt ihm verwehrt: Sobald es um Zwischenmenschliches geht, um Kommunikation und Führungsqualitäten, trifft Schmidt auf unüberwindbare Hürden. Eine Sackgasse. Schmidt wechselt in die Wirtschaft, aber auch da stößt er immer wieder an Grenzen.

Der realen Straße aber gilt Peter Schmidts Leidenschaft schon seit Kindertagen: Ein Foto zeigt den Jungen auf der Terrasse seiner Eltern, die ein Labyrinth scheinbar unendlicher Kreidelinien ziert. Darin verlieren sich ein paar Spielzeugautos. Sitzt er heute in einem Flugzeug, so kann Schmidt auch aus der Luft bestimmen, welche Straßen die Maschine überquert. Schließlich sammelt er Straßenerlebnisse: Die Panamericana zum Beispiel hat Schmidt von Alaska bis Feuerland befahren, die Ruta Quarenta zwischen dem Torres-del-Paine-Nationalpark in Chile und dem argentinischen Perito-Moreno-Gletscher. „Für die Familie ist das ungeheuer praktisch“, findet Martina Schmidt. „Die Ferienplanung überlasse ich immer meinem Mann.“ Dass ihr Mann gerne kuriose Umwege einkalkuliert, ist einer der vielen Kompromisse, die für das harmonische Familienleben unverzichtbar sind.

Seit 17 Jahren ist das Paar verheiratet, einen Sohn (15) und eine Tochter (12) haben Peter und Martina Schmidt. Ausgerechnet in einer Zahnarztpraxis sind sie sich das erste Mal begegnet. „Ich bin noch nie so dämlich aus dem Behandlungsstuhl angegrinst worden“, erzählt Martina Schmidt. Die junge Arzthelferin weiß freilich nicht, dass jenes Lächeln nicht von Herzen kommt. Es ist einstudiert. Denn die Mimik anderer Menschen ablesen und deuten, das kann Peter Schmidt nicht, ein Asperger-Syndrom. Auch selbst Gefühle zu offenbaren, ist Betroffenen nahezu unmöglich. „Doch ich wusste, dass ich nicht mehr allein sein wollte“, betont Schmidt. Er geht das Abenteuer „Zweisamkeit“ an – mit Hilfe seiner Vermieterin: Sie erklärt ihm, dass Frauen Blumen mögen, dass man lächeln muss, wenn man jemanden kennenlernen möchte. Heute ist Peter Schmidt ein Vater, der seine Kinder liebt, trotz einer gewissen Distanz: „Probleme emotionaler Art lösen die Kinder mit meiner Frau.“ Deren Rolle beschreibt er als Übersetzerin. „Sie hilft, soziale Situationen zu bewerten, weil ich keine Antennen dafür habe, was Sprache außer dem Wort noch an Botschaften transportiert.“



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