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Wochenende „Man muss rausspringen“

Leon Wansleben (28) ist Soziologe an der Universität Konstanz. Er promoviert im Doktorandenkolleg „Zeitkulturen“ zum Thema Experten auf den Finanzmärkten.

Leon Wansleben
Leon Wansleben | Bild: privat

Finanzmärkte gelten als einer der schnelllebigsten Bereiche unserer Zeit. Welche Rolle spielt die Technik dabei?

Die Entwicklung von Finanzmärkten hängt stark mit einer bestimmten Zeitlichkeit und mit technologischen Entwicklungen zusammen. Noch im 18. und 19. Jahrhundert läuft die Korrespondenz über Finanzgeschäfte sehr viel über Briefe. Dann wird im 19. Jahrhundert der Telegraf erfunden, und sehr schnell danach der Börsenticker. Dieser Ticker hat dazu geführt, dass man Preise sofort weltweit verbreiten kann, auf die man dann gleich reagiert. Der Ticker ist die wichtigste Beschleunigung des Finanzmarktes, und das hat durch Computer und Internet noch eine zusätzliche Qualität bekommen. Informationen können gleichzeitig und in Echtzeit verbreitet werden. Die Börse ist völlig unwichtig geworden, das meiste findet in den digitalen Netzwerken statt.

Dann gibt es die Broker, die man in der „Tagesschau“ immer in ihre Handys brüllen sieht, gar nicht…

Nein. Man hat zwar immer noch diese Bilder, aber das sind hauptsächlich Inszenierungen für die Journalisten. Der Markt passiert gar nicht mehr dort.

Die technischen Geräte haben also zu einer größeren Effizienz geführt und zu einer größeren Beschleunigung?

Ja, genau. Man kann Beschleunigung sagen, aber ich würde es eher als „Echtzeit“ beschreiben. Es gibt nicht mehr das Phänomen, dass Übertragungen Zeit brauchen. Die Dinge passieren dann, wenn sie berichtet werden. Aber das ist ja nicht mehr nur auf den Finanzmärkten so.

Unser Leben geht also immer mehr in Richtung „Echtzeit“?

Heutzutage sitzen die Journalisten in Pressekonferenzen und speisen die Nachrichten direkt ins System: Erst vorläufige Informationen, dann ein update etc., aber es ist nicht mehr so, dass man ein Ereignis hat und dann sagt: ‚Ok, das war das Ereignis, und jetzt berichten wir darüber‘.

Während der Finanzkrise wurde die Börse für zwei Tage geschlossen. Geschah das, um den Dingen Zeit zur Erholung zu geben?

Beim „flash crash“ im Mai sind die US Börsen abgestürzt und man wusste nicht genau, woran es lag, denn es gab eigentlich keinen Grund. Mittlerweile sind die Dinge so schnell, dass sie auch sehr schnell aufeinander reagieren. Wenn ein Gerücht auftaucht, beschäftigen sich die Leute möglicherweise nicht mit der Frage, ob das korrekt ist, sondern sie wissen: das hat einen Effekt, ich muss sofort reagieren. Deshalb können die Dinge sehr schnell sehr drastische Folgen haben. Und da hat man die Börse ausgesetzt, weil das der einzige Weg ist, diesen Fluss zu unterbrechen.

Das kann man auch generalisieren. Ein Händler auf dem Markt hat keine Zeit zum Überlegen. Aber er kann natürlich den Computer herunterfahren, er kann Pause machen, abends nach Hause gehen, und dann hat er auch die Zeit, darüber nachzudenken, was er tut und was da passiert. Aber man muss sozusagen rausspringen, man muss den Computer runterfahren.

Aber geht das denn überhaupt? Dann bin ich doch aus dem System sofort draußen?

In dieser Echtzeit ist man in einem bestimmten Informationsfluss, in einem bestimmten Handlungsfluss, und in diesem Fluss hat man nicht viel Distanz zu dem, was passiert, man ist permanent in der Gegenwart. Aber die Entscheidung darüber, in welchen Fluss ich springe und wann ich da wieder 'rausspringe, die kann man dennoch treffen. Ich kann den Fluss, während er läuft, nicht aufhalten. Aber ich kann Entscheidungen treffen, und wenn ich denke, dass ich aus welchen Gründen auch immer eine Sache unterbrechen will, dann muss ich aus dem Fluss raus und muss mir einen anderen suchen.

Fragen: Ulrike Stamm

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