Mein

Wochenende E-Zigarette: Viel Rauch um den Dampf

Die E-Zigarette boomt. Doch nun streiten Experten über ihre Risiken

Symbolbild.
Symbolbild. | Bild: dpa

Auf einer Schleichwerbungs-Skala von 1 bis 10 bekommt diese Szene aus dem Hollywood-Film „The Tourist“ eine glatte 11: Johnny Depp sitzt im Zug und zieht vor den Augen der staunenden Angelina Jolie und Millionen von Kinobesuchern trotz Rauchverbot genüsslich an einer Zigarette. Einer E-Zigarette. Ob es nur das dreiste

Product-Placement

war, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hat die E-Zigarette 2011 einen Boom erlebt. Mindestens 1,2 Millionen Deutsche – so Schätzungen – rauchen inzwischen elektrisch. Tendenz steigend. Die E-Zigarette, bei der eine Flüssigkeit mittels einer kleinen Heizspirale verdampft wird, ist – zumindest bildlich gesehen – in aller Munde.

In der südbadischen Provinz hat man als E-Zigarettenraucher allerdings noch Exoten-Status, wie ich bei einem Selbstversuch im Raucherraum einer Rielasinger Kneipe feststellen muss. Mit einem Sächsisch sprechenden Gibbonäffchen auf der Schulter würde ich hier wohl weniger Aufmerksamkeit erregen. „Was ist das denn?“ Diese Frage habe ich innerhalb von einer halben Stunde ein Dutzend Mal gehört. Auch eine Dame mittleren Alters (leider ohne Ähnlichkeit mit Angelina Jolie) ist neugierig geworden und zeigt auf meine „Silver Joy“. Mein Testexemplar ist nicht die richtige Wahl, wenn man kontaktscheu und mundfaul ist. Statt einer mit Tabak gefüllten Papierhülse hat sie einen silberglänzenden Metallkörper, ein matt-schwarzes Mundstück aus Kunststoff, wo sonst der Filter ist, und eine blaue LED an der Spitze, die die Glut einer normalen Zigarette simuliert, wenn man an ihr zieht. Sieht stylish aus und weckt das Interesse.

Auch die neugierige Dame will, wie zuvor schon fünf andere, an ihr ziehen. Ob es sinnvoll ist, in der kalten Jahreszeit ein Mundstück aus Plastik mit zahlreichen potenziellen Viren- und Bakterienträgern zu teilen, ist fraglich. Die Erkältungsgefahr ist allerdings die kleinste Sorge, die E-Zigarettenraucher haben müssen, glaubt man den Warnungen, die derzeit durch Ärzteverbände, Gesundheitsorganisationen und politische Amtsträger verbreitet werden. In Nordrhein-Westfalen wurde der Handel mit der zu verdampfenden Flüssigkeit, dem sogenannten Liquid, inzwischen sogar verboten. Zu den in den Medien am meisten zitierten Bedenkenträgern gehört die Medizinerin Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Wegen „fehlender Information zu den kurz- und langfristigen Auswirkungen von E-Zigaretten auf die Gesundheit“ sieht Pötschke-Langer einen Handlungsbedarf: „Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass alle Produkte für den privaten Gebrauch gesundheitlich unbedenklich sind. Das trifft auf die E-Zigarette nicht zu, denn sie enthält Nikotin, eine süchtig machende Substanz, sowie Chemikalien wie Propylenglykol. Das ist ein Produkt mit vielen Fragezeichen“, stellt Pötschke-Langer fest und bezieht sich vor allem auf angeblich fehlende Deklarationen der Inhaltsstoffe seitens der Hersteller, „die keine Informationen an den Verbraucher weitergeben“.

Dem widerspricht Florian Götz mit Vehemenz. Der 25-Jährige vertreibt in Hohenfels bei Stockach seit 2006 die „Supersmoker“, eine E-Zigarette, die rein optisch – in Form, Größe und mit einem Papierfilter als Mundstück – der normalen Zigarette sehr nahe kommt. „In unseren E-Zigaretten sind nur ganz wenige Inhaltsstoffe. Und was da drin ist, verbergen wir nicht“, sagt Götz, „wir drucken sogar freiwillig Warnhinweise auf die Schachteln der nikotinhaltigen Liquids“. Dass Nikotin schädlich ist, weiß natürlich auch Florian Götz. Deshalb sind ihm E-Zigaretten-Händler, die ihr Produkt mit Slogans wie „Die gesunde Art des Rauchens“ bewerben, ein Dorn im Auge. „Wir verkaufen keine Äpfel. Auch die E-Zigarette ist nicht gesund. Sie ist aber bei weitem die bessere Alternative zur normalen Zigarette.“

Dieser Meinung ist auch Jürgen Ruhlmann. Der Nuklearmediziner ist Mitglied im Lungenkrebszentrum Bonn und weiß durch seine tägliche Arbeit, was Zigarettenrauch im menschlichen Körper anrichten kann. Vor rund drei Jahren ist der Professor durch eine Patientin auf die E-Zigarette aufmerksam geworden und hat umfangreiche Studien betrieben.

„Die E-Zigarette ist eine wunderbare Sache, um schrittweise mit dem Rauchen aufzuhören, gerade für Menschen, die mit anderen Mitteln den Ausstieg einfach nicht schaffen“, beteuert Ruhlmann. Im Unterschied zu Raucherentwöhnungsmitteln wie Nikotinpflaster müsse hier nicht „auf das Gefühl der Zigarette in der Hand verzichtet werden“. Allerdings falle die Verbrennung weg, was ein „unglaublicher Gesundheitsvorteil ist. Die normale Zigarette hat rund 4000 Inhaltsstoffe, von denen über 70 Krebs erregend sind. Das ist 1000 mal schädlicher als der Dampf in den E-Zigaretten“, so die klare Meinung Ruhlmanns.

Dass Propylenglykol, der Hauptbestandteil der E-Zigarette, der für die Verdampfung benötigt wird, bei E-Zigaretten-Gegnern derart in der Kritik ist, kann der Mediziner nicht verstehen. „Es gibt anerkannte Studien, die belegen, dass Propylenglykol unbedenklich ist“, sagt Ruhlmann über den Stoff, der in der EU als Lebensmittelzusatz unter der Bezeichnung E 1520 zugelassen und in Hygieneartikeln wie Hautcremes, Zahnpasta, Deos und in medizinischen Inhalatoren enthalten ist. Und in normalen Zigaretten, was für Ruhlmann die Debatte um ein Verbot der E-Zigarette ad absurdum führt.

Nach Meinung von Martina Pötschke-Langer sei ein Totalverbot allerdings auch gar nicht nötig, „ich will nur nicht, dass die E-Zigarette auf dem freien Markt verkauft wird, im Supermarktregal neben harmlosen Lebensmitteln liegt. Vor allem nicht, wenn sie Nikotin enthält“. Neben größtmöglicher Transparenz der Inhaltsstoffe fordert sie eine strenge Reglementierung der Verkaufswege: „Die E-Zigarette gehört in die Apotheke. Richtig angewendet, könnte sie eine Chance für einen ersten Schritt aus der Tabak-Abhängigkeit sein“, lenkt die Medizinerin ein.

Dass einige Politiker eine arzneimittelrechtliche Zulassung der E-Zigarette fordern, werten Dampf-Freunde allerdings als kalkulierten Schachzug. „Unserer Meinung nach handelt es sich dabei um ein rechtliches Instrument, um die E-Zigarette verbieten zu können. Ob sie danach eine Zulassung erhält, ist fraglich“, so Dustin Dahlmann, der die „Silver Joy“ vertreibt. Verschwörungstheoretiker vermuten hinter der Verbotskampagne sogar finstere Machenschaften, einen Schulterschluss zwischen Politik und Tabakindustrie, da bei einem anhaltenden Dampfer-Boom der Wegfall von Steuereinnahmen und Profiten in Milliardenhöhe drohe.

Entscheidung in Sicht In welche Richtung es auch gehen mag, Florian Götz von „Supersmoker“ ist sicher, „dass in diesem Jahr eine Entscheidung fallen wird in Sachen E-Zigarette“. Falls nach dem Boom im vergangenen Jahr nun das Aus für die E-Zigarette kommen würde, wäre das aus Sicht des Lungenkrebs-Spezialisten Ruhlmann eine fatale Entwicklung: „Wenn die E-Zigarette verboten wird, müsste auch die Tabakzigarette im freien Verkauf verboten werden“, lässt der Mediziner verbal Dampf ab, „wieso man die 1000 mal gesündere Alternative stoppen will, entzieht sich völlig meinem Verständnis.“

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Seattle/USA
Konstanz
Konstanz
Niederhof
Konstanz/Aurich
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (12)
    Jetzt kommentieren