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Medizin „Krebszellen lieben Zucker“

Eine neue Ernährungsform für Krebskranke macht von sich reden. Zuckerarme Ernährung soll die Patienten stärken und vielleicht den Tumor hemmen. Ein Interview mit der Konstanzer Biologin Christina Schlatterer.

Frau Schlatterer, lange Zeit wurde Krebskranken gesagt, sie sollten ganz normal oder eher etwas mehr essen, weil sie durch die Krankheit ohnehin Gewicht verlieren. Sie vertreten aber einen ganz anderen Ansatz. Warum?

 

Wir stehen mit diesem Ansatz nicht allein da. Zur Zeit findet wohl ein langsames Umdenken weg von der „normalen“, kohlenhydratreichen Ernährung hin zur fettreichen Ernährung statt. Denn klinische Studien haben gezeigt, dass eine fettreiche Ernährung für Krebspatienten vorteilhaft ist. Sie haben damit eine bessere Lebensqualität, und, noch wichtiger: Wenn sie an starkem Gewichtsverlust leiden, wird die sogenannte „Auszehrung“ durch die kohlenhydratarme, fettreiche Ernährung gelindert oder sogar aufgehalten. Auf den ersten Blick erscheint das widersprüchlich, denn eigentlich sind Ernährungsweisen mit eingeschränkten Kohlenhydraten bekannt als Diäten zum Abnehmen. Tatsächlich nehmen übergewichtige Menschen mit einer derartigen Ernährung ab, vor allem in Verbindung mit sportlicher Betätigung. Aber sie verlieren ihre Fettpolster – die Muskelmasse bleibt erhalten. Bei ausgezehrten Krebspatienten schwindet aber gerade die Muskelmasse, und dieser lebensbedrohliche Muskelverlust wird mit der fettreichen Ernährung gebremst oder ganz gestoppt.

 

Was wissen wir heute über die Krebsentstehung?

 

Es gibt sehr viele verschiedene Krebsarten, und die Faktoren zu ihrer Entstehung sind sehr unterschiedlich. Manchmal spielt nur ein Gen eine Rolle, manchmal sind es Umweltgifte oder auch die Ernährung. Im Zusammenhang von Ernährung und Krebs ist wichtig, dass Übergewicht, hohe Blutzucker- und Insulinwerte oder chronische, unterschwellige Entzündungsreaktionen im Körper die Krebsentwicklung begünstigen. Diesen Risikofaktoren kann man entgegenwirken, wenn man auf Nahrungsmittel verzichtet, die den Blutzucker schnell und stark in die Höhe treiben, wenn man eine normale Portion davon isst. Solche Nahrungsmittel haben eine hohe „glykämische Last“. Dazu gehört vor allem der Zucker, aber auch gesüßte Speisen oder Lebensmittel aus ausgemahlenem Getreide oder bestimmte Trockenobstsorten.

 

Sie sagen, dass Tumorzellen durch weniger Kohlenhydrate im Essen langsamer wachsen. Wie funktioniert das?

 

Zellen, die sich schnell teilen – wie Tumorzellen – benötigen viel Zucker. Einerseits nehmen die Tumorzellen sehr viel Zucker aus dem Blut auf. Diese Eigenschaft wird bei einem modernen diagnostischen Verfahren genutzt, um Tumoren sichtbar zu machen, beim sogenannten PET-Scan. Nahrungsmittel mit einer hohen glykämischen Last führen zu einem starken Blutzuckeranstieg, der Tumor wird zeitweise förmlich mit Nahrung überschwemmt. Andererseits bekommt der Tumor dadurch auch noch Wachstumssignale, denn die hohen Blutzuckerwerte regen die Bauchspeicheldrüse an, viel Insulin auszuschütten, und Insulin wirkt als Wachstumsfaktor.

 

Kann man einen Tumor mit einer Diät ohne Kohlenhydrate gewissermaßen aushungern?

 

Nein! Das wird zwar mancherorts behauptet, ist aber Unfug. Der Blutzuckerspiegel sinkt auch bei wenig Kohlenhydraten nicht auf „null“ herab, sondern bleibt in einem bestimmten Bereich, der etwa dem Nüchternwert entspricht. Wenn die Blutzucker- und Insulinwerte in diesem niedrigen Bereich bleiben, wird ein Tumor nicht mehr gemästet und nicht mehr zusätzlich zum Wachstum angeregt.

 

Vor Kurzem meldete die Überlinger Fastenklinik, dass im Tierversuch krebskranke Mäuse mit Fastenphasen länger überlebten. Könnte das auch für krebskranke Menschen gelten?

 

Grundlage dieser Nachrichten war die letzte einer ganzen Reihe von Arbeiten, bei denen der kalifornische Wissenschaftler Valter Longo federführend ist. Nicht nur bei Mäusen konnte man sehen, dass der Fastenstoffwechsel bei den krebskranken Tieren positiv wirkt. Etliche Mediziner sind überzeugt, dass diese Ergebnisse auch für den Menschen wichtig sind, deshalb laufen einige klinische Studien. Fasten ist natürlich eine begrenzte Option und vor allem für Patienten problematisch, die bereits an einer Auszehrung leiden. Das ist auch Valter Longo klar. Er arbeitet deshalb – gefördert mit US-amerikanischen Steuermitteln – daran, eine Ernährung für Krebspatienten zu entwickeln, die einen ähnlichen Stoffwechselzustand wie beim Fasten erzeugt, den Patienten aber nicht aushungert. Dabei handelt es sich im Prinzip um eine fettreiche und sehr kohlenhydratarme, also eine ketogene Ernährung.

 

Könnte eine Ernährung mit weniger Kohlenhydraten die Krebsentstehung auch bei Gesunden verhindern?

 

Ich denke, dass man damit das Risiko verringern kann, an Krebs zu erkranken. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt jedenfalls indirekt in diese Richtung. Indirekt deshalb, weil zum Beispiel langfristig erhöhte Blutzuckerwerte als krebsfördernd gelten. Auch langfristig erhöhte Insulinwerte im Blut steigern das Krebsrisiko. Wenn man den Insulinspiegel und den Blutzuckerwert niedrig halten und keine zu starken Schwankungen haben will, ist eine Ernährung mit weniger Kohlenhydraten sinnvoll.

Mittlerweile gibt es klinische Studien, die zeigen, dass eine Ernährung mit weniger Kohlenhydraten sich günstig auf diese Risikofaktoren auswirken, und es gibt auch Kliniken, die das erfolgreich anwenden und ihre Ergebnisse veröffentlicht haben, zum Beispiel die Rehaklinik Überruh in Isny.

 

Wie sieht denn ein typischer Speiseplan der ketogenen Ernährung aus?

 

Typisch ist, dass man die Kohlenhydrate weglässt. Zum Frühstück könnte man Rühreier mit Speck genießen oder einen Vollfett-Quark mit einigen Beeren. Zu Mittag gebratenen Fisch mit Gemüse oder ein Rindersteak mit Salat. Für Vegetarier ein Salat mit Schafskäse oder mit Bergkäse überbackenen Broccoli. Und abends vielleicht geräucherte Forelle mit Meerrettichsahne mit Salat oder Avocados mit Shrimps.

 

Mit Empfehlungen für Krebskranke hat man ja eine große Verantwortung. Die Menschen klammern sich in ihrer Verzweiflung an jeden Strohhalm… Diese Ernährungsform ist ja sicher nicht die einzige Therapie, oder?

 

Es wäre absolut unverantwortlich, eine kohlenhydratarme Ernährung bei Krebs als eigenständige Therapie zu empfehlen, weil es dazu einfach keine aussagekräftigen Studien gibt. Wenn man aber die Daten aus den verschiedenen Wissenschaftsfeldern betrachtet, seien es nun Zellkulturversuche, Tierstudien oder klinische Studien mit Patienten, dann weisen sie in eine Richtung: dass ein Patient mit Krebs davon profitieren kann, sei es, dass er oder sie damit nicht mehr abnimmt, sich besser fühlt und eine Chemo- oder Strahlentherapie besser verträgt. Vielleicht hilft die Ernährung sogar, dem Tumor das Leben schwerzumachen.

 

Wie ist es mit Krebskranken im Endstadium? Ein völliger „Umschwung“ ist nicht realistisch, oder?

 

Man muss es den Betroffenen selber überlassen, ob sie das ausprobieren möchten. Es sollte ihnen nicht von jemandem – selbst mit den allerbesten Absichten – aufgedrängt werden. Vielleicht hilft die Essensempfehlung den schwerkranken Patienten, dass sie sich besser fühlen. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie, die an der Uniklinik in Würzburg mit Krebspatienten durchgeführt wurde. Die Patienten vertrugen die kohlenhydratarme Ernährung sehr gut, und sie verspürten damit immerhin mehr Lebensqualität.

 

Welche Rolle spielt Sport bei Krebskranken? Warum wirkt er sich günstig aus – und wie?

 

Sport zu treiben, ist bei einer Krebserkrankung sehr hilfreich. Bei Darmkrebs und Brustkrebs, zwei sehr häufigen Krebsarten in Deutschland und weltweit, gibt es eine ganze Reihe von Studien. Sie zeigen, dass regelmäßiger Sport das Risiko senkt, an der Krankheit zu versterben oder einen Rückfall zu erleiden. Man muss gar nicht zum „Hochleistungssportler“ werden, sondern es helfen schon moderate sportliche Aktivitäten mehrmals die Woche, bei denen man aus der Puste kommt. Damit kann man schon in der Klinik anfangen. Ganz wichtig: Am Anfang langsam und behutsam an die eigenen Fähigkeiten angepasst beginnen. Der Sport wirkt ähnlich wie die kohlenhydratarme Ernährung: Der Blutzuckerspiegel und der Insulinwert bleiben auf niedrigem Niveau und krebsfördernde, unterschwellige Entzündungen werden gedämpft. Die Muskulatur wird durch den Sport beansprucht und trainiert, damit kann man dem Abbau der Muskelmasse entgegenwirken. Und der Sport verbessert die Zellatmung. Das ist bei einer Krebserkrankung ebenfalls günstig.

 

Wie essen Sie selbst? Wie leben Sie?

 

Ich selber esse seit gut drei Jahren kohlenhydratarm; je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, umso naheliegender war für mich die Schlussfolgerung, die Kohlenhydrate im Essen zu reduzieren. Am Anfang war das schon ungewohnt, aber ich bin schnell damit zurechtgekommen, und jetzt kann ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Ich fühle mich sehr wohl damit. Und dann treibe ich auch noch regelmäßig Sport, weil es mir viel Spaß macht und ich sehr genau merke, wie gut es mir tut.

 

Für den Krebs wurden schon viele Ursachen gehandelt, in jüngster Zeit standen die Viren im Fokus, etwa beim Gebärmutterhalskrebs. Glauben Sie, dass wir irgendwann einmal dem Krebs das Handwerk legen werden?

 

Seit vielen Jahrzehnten wird immer wieder prophezeit, dass in nächster Zukunft der Krebs „besiegt“ sein wird. Meist war von den nächsten 10 Jahren die Rede. Vor diesem Hintergrund sollte man sich vor Prognosen hüten. Eine sehr bedenkenswerte Aussage zum Thema stammt von James Watson. Er hat zusammen mit Francis Crick die Struktur des Erbguts entschlüsselt und dafür den Nobelpreis bekommen. Watson fordert, dass die unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten sollen, damit ein wesentlicher Fortschritt in der Krebsforschung zustande kommt. Es sei an der Zeit, sich von der aktuellen Vorherrschaft der Genetik zu befreien und über den Tellerrand hinauszuschauen. Und besonderen Wert legt er auf die Stoffwechselforschung.

 

 

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