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„Hasenfüße wollte keiner sehen“

Viele Redewendungen gehen aufs Lateinische oder Griechische zurück. Ein Gespräch über „Trojaner“, Latein als Unterrichtssprache und was Gladiatoren-Kämpfe mit der Formel 1 zu tun haben

Die Trojaner bestaunen im Kinofilm „Troja“ in ihrer als uneinnehmbar geltenden Stadt ein hölzernes Pferd, das sie als „Geschenk“ von den Griechen erhalten haben. In der Computersprache werden Schadprogramme irrtümlich als „Trojaner“ bezeichnet.
Die Trojaner bestaunen im Kinofilm „Troja“ in ihrer als uneinnehmbar geltenden Stadt ein hölzernes Pferd, das sie als „Geschenk“ von den Griechen erhalten haben. In der Computersprache werden Schadprogramme irrtümlich als „Trojaner“ bezeichnet. | Bild: dpa

Herr Weeber, räumen wir auf mit der falschen Anwendung antiker Begriffe. „Trojaner“ werden vermeintlich nützliche Programme genannt, die in fremde Rechner gelangen. Was ist falsch?

Das „Trojanische Pferd“ war eine List der Griechen, um nach Troja hineinzukommen. Deshalb müsste man den „Trojaner“ eigentlich den „Griechen“ nennen. Da täten mir die Griechen aber mehr leid, als sie es ohnehin tun.

Sie haben im Sommer bei der ARD-Show „Brot und Spiele“ mitgemacht, wo sich Ralf Möller und Henry Maske als Gladiatoren gemessen haben. Der Tagesschau-Sprecher Jens Riewa lief schwitzend im Kettenhemd am Rhein entlang. Ist das nicht zu viel Klamauk für einen Altphilologen wie Sie?

(lacht) Ich war bei der Live-Sendung nicht dabei, nur bei der letzten Probe, weil ich krank war. Diese Show war sicher nicht dazu da, das Altertum zu erklären. Wenn es Interesse für die Antike weckte, hat es einen guten Zweck. Gebraucht man die Antike nur zur Unterhaltung, ist das aber zu wenig.

Sehen Sie sich als Vermittler zwischen Altertum und Gegenwart?

Ja. Das Altertum braucht Vermittler, die in der Gegenwart leben und die eine Sprache finden, um eine Dolmetschertätigkeit auszuüben.

Was können wir aus dem Altertum für unser heutiges Leben lernen?

In uns steckt jede Menge Antike, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Sie ist unsere europäische Vergangenheit. Im Altertum gibt es zwar viele Dinge, die uns fremd anmuten, aber in der Auseinandersetzung lernt man auch etwas über sich.

Zum Beispiel?

Nehmen wir die athenische Demokratie. Sie war eine direkte Demokratie, die aus unserer Sicht ihre Defizite hatte, weil die Frauen nicht wählen durften. Innerhalb der antiken Theorie ist das in Ordnung, weil die Frauen keinen Beitrag zur Wehrhaftigkeit der Stadt leisteten. Das Großartige ist, wie viele Leute aktiv an der Politik teilnahmen.

Da könnten wir uns eine Scheibe abschneiden bei der heutigen Politikverdrossenheit.

So ist es. Oder jene, die noch stolz darauf sind, unpolitisch zu sein. Dafür hätten die Athener überhaupt kein Verständnis gehabt. Ich habe große Vorbehalte gegen Sätze, wie „der Staat greift uns in die Tasche“. Der Staat ist keine anonyme Macht, sondern wir selbst. Doch es ist natürlich ein großer Unterschied, ob man ein Staatsvolk von 80 Millionen hat oder 40 000 Vollbürger. Würden wir die direkte Bürgerbeteiligung stärker praktizieren, wären wir wieder näher am Ursprung der Demokratie.

Kommen wir noch einmal zu den Kämpfen in den römischen Arenen. Haben sich die Römer nicht aufgegeilt an der Gewalt, ähnlich wie die Leute heute das Dschungelcamp aus reiner Sensation einschalten?

Das würde ich nicht vergleichen und auch nicht „aufgegeilt“ sagen. Die römische Gesellschaft war sicher auch von Gewalt definiert. Doch Aussagen, wie der „Blutrausch“ der Zuschauer, die unbedingt Tote sehen wollten, sind völlig verfehlt. Es ging ihnen um spannende Unterhaltung, bei der man in Kauf nahm, dass Menschen starben. Man wollte keine Hasenfüße sehen, sondern Leute, die todesbereit kämpften, aber die eine technisch brillante Show ablieferten. Im Dschungelcamp werden die Leute nur vorgeführt und man müsste sich eigentlich für sie schämen und für alle, die sich das anschauen.

Welche Parallele ziehen Sie?

Ich sehe eher die Parallele zu heutigen Formel-1-Rennen. Auch sie leben von der Spannung und gelungenen Manövern. Und wir nehmen Verletzte und Tote in Kauf. Wenn es diesen Nervenkitzel nicht gäbe, säßen jeden zweiten Sonntag deutlich weniger Leute vor dem Fernseher. Das ist eine Form der Kanalisierung von Gewalt, die jede Gesellschaft braucht. Wir sind deutlich heuchlerischer als die Römer. Ich will die Gladiatoren-Shows nicht gutheißen, aber die Römer standen dazu. Es gab nur wenige kritische Stimmen.

Haben wir Gemeinsamkeiten mit den Römern?

Ja. Ich habe mich mit der Umweltproblematik beschäftigt. Als Arbeitshypothese hatte ich angenommen, dass in einer Naturreligion die Natur geschont wird. Doch es zeigte sich bald das Gegenteil. Wo die Ökologie auf die Ökonomie traf, erhielt immer die Ökonomie den Vorzug. Jeder Baum war heilig, in ihm wohnten Nymphen. Wurde das Holz aber gebraucht, fällte man den Baum und forstete nicht mehr auf. In diesem ungehemmten Wirtschaften sehe ich eine Konstante im westlichen Denken seit den Römern.

Nehmen wir den Geschichtsunterricht. Diese Fülle an Stoff ist doch in Zeiten des achtjährigen Gymnasiums gar nicht mehr vermittelbar.

Man sagt, die Lehrpläne müssten entrümpelt werden. Das heißt, sie waren offensichtlich eine Rumpelkammer, die vor 20 bis 30 Jahren zusammengestellt wurde. Das ist doch verräterisch. Tatsächlich gehen mit dem Schnelligkeits virus, das über uns gekommen ist, viele wichtige Inhalte verloren. Schule entfernt sich immer mehr von ihrem Ursprung. „scholé“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Muße“. Sie hat viel mit Zeit zu tun und damit, dass man über die Dinge nachdenkt.

Davon kann heute leider keine Rede mehr sein.

Ja. Die besondere Tragik ist, dass wir inzwischen wissen, dass die Schulzeitverkürzung ein Irrweg ist. Nur will jetzt keiner mehr zurück. Das wäre ja ein Eingeständnis, dass man sich zu schnell von dem falschen Propheten hat beeinflussen lassen.

Viele Schüler müssen sich jedes Jahr entscheiden, meistens zwischen Latein und Französisch. Wie würden Sie denn einem Schüler Latein schmackhaft machen?

Das Lateinische ist heute viel schülernäher geworden, sowohl in den Inhalten, als auch in den Lehrbüchern und in der Methodik. Motivation ist kein Fremdwort im Lateinunterricht – und zwar nicht nur deshalb, weil darin lateinisch movere, „bewegen“ steckt.

Trotzdem bleibt es eine Sprache, in der man sich nicht unterhalten und auch keinen Schüleraustausch machen kann.

Aber sie ist die Grundlage für viele andere Sprachen. Die romanischen Sprachen bauen ganz stark im Vokabular auf dem Lateinischen auf. Auch 50 bis 60 Prozent aller englischen Wörter sind lateinstämmig. Die Schüler erfahren, wie Sprache funktioniert, um grammatische Begriffe durchzudenken, die für alle anderen Sprachen auch gebraucht werden. Auch Lateingegner geben zu, dass sie Grammatik so richtig im Lateinunterricht gelernt haben.

Erfährt Latein zurzeit eine Wiederbelebung?

Auf jeden Fall. In Deutschland haben noch nie so viele Schüler Latein gelernt.

Latein hat eine klare Aussprache, man übersetzt in eine Richtung und nicht in zwei, wie im Französischen, dessen Nasallaute nicht einfach auseinanderzuhalten sind. Ist Latein einfacher als Französisch?

Latein ist sicher einfacher, wenn man nur die von Ihnen genannten Aspekte betrachtet, in anderen Sprachbereichen dagegen schwieriger.

Wo liegen die Vorteile?

Wer heute in der Öffentlichkeit vom interkulturellen Dialog spricht, meint merkwürdigerweise immer den Dialog mit zeitgleichen Kulturen. Einen solchen führen wir mit dem Islam. Doch die Vorteile, die man sich davon verspricht, wie größere Toleranz und größere Selbstdistanz, entstehen ebenso, wenn Sie einen interkulturellen Dialog mit der eigenen Vergangenheit führen.

Warum stehen wir beispielsweise dem Pathos heute eher kritisch gegenüber?

Pathos ist die Leidenschaft. Die Reserviertheit gegenüber dem Pathos rührt aus unserer nicht gerade glücklichen Geschichte im sogenannten tausendjährigen Reich. In der Antike gehörte das Pathos dazu. Der Redner musste pathetisch sein. Der Hörer wusste, dass zum Reden auch Schauspiel-Qualität gehörte, aber gleichzeitig fand er es schön, wenn jemand versuchte, ihn auch emotional mitzureißen. Ich glaube, wir sollten in mancher Hinsicht wieder pathetischer sein und uns für Dinge begeistern und andere dies auch spüren lassen. Immer nur „Coolness“ ist ein bisschen wenig, finde ich.

Können Sie zum Schluss erklären, was der „Adonis“, der Schönling, eigentlich mit den weißen Blümchen, den Anemonen, zu tun hat?

Der mythische Adonis entsprang einer inzestuösen Beziehung zwischen Myrrhe und ihrem Vater Kinyras, einem zypriotischen König. Dieser wuchs zu solch göttlicher Schönheit heran, dass sich Aphrodite in ihn verliebte. Zum Leidwesen des eifersüchtigen Ares, der einen wilden Eber schickte – bzw. sich selbst als solchen tarnte – und den schönen Jäger im Kampf mit dem wütenden Tier tödlich verwunden ließ. Aus dem Blut des Sterbenden entsprossen Adonisröschen, besser unter dem Namen „Anemonen“ bekannt. Ihr kurzes Leben erinnert an den frühen Tod des schönen Jünglings. Wenn jedoch ein WC-Trennwandsystem Adonis heißt, dann fragt man sich wirklich, wes Geistes Kind hier die Urheber sind.

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