LebenundWissen Visite via Internet

Ständige Arztbesuche gehen den meisten Menschen auf die Nerven. Telemedizin kann viele Kontrolltermine ersparen. Besonders chronisch kranke Patienten werden dabei gewissermaßen fernüberwacht.
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Bild: DAK/Wigger (DAK/Wigger)

Dieter Löscher aus Friedrichshafen (unten in der Grafik im Bild) muss seit einigen Monaten nicht mehr zum Hausarzt fahren, um seinen Gesundheitszustand kontrollieren zu lassen. Jeden Morgen stellt sich der 74-Jährige zu Hause auf die Waage und misst den Blutdruck. Er braucht die Ergebnisse nicht einmal aufzuschreiben, denn die werden automatisch erfasst – genau wie bei derzeit 30 weiteren Patienten mit einem schwachen Herzen.

Sowohl die digitale Waage als auch der Blutdruckmesser sind via Bluetooth mit einer sogenannten Set-Top-Box und dem Fernseher verbunden. Hier kann er nicht nur seine Lieblingsserie sehen, sondern auf dem eigenen Gesundheitskanal die Werte abrufen oder mit der Fernbedienung die hinterlegten Fragen beantworten, die Auskunft über sein Allgemeinbefinden geben.

All diese Informationen gelangen – datenschutzrechtlich einwandfrei – via Internet ins Klinikum Friedrichshafen, wo Krankenschwester Claudia Fink jeden Vormittag an ihrem PC sofort sehen kann, bei welchem ihrer 30 fernbetreuten Patienten möglicherweise etwas nicht stimmt. Dann gibt das System Alarm, und Claudia Fink nimmt Kontakt mit dem Betreffenden oder bei Bedarf mit seinem Hausarzt auf.

„Die Zukunft ist digital“, sagt Dr. Detlev Jäger, Kardiologe und Chefarzt der Medizinischen Klinik II. Am Klinikum Friedrichshafen ist sie ein Stück weit schon Realität. Seit November 2007 werden ausgewählte Herzinsuffizienz-Patienten telemedizinisch betreut. Motiva nennt sich das System, ein Gesundheitsprojekt in der T-City Friedrichshafen, das von der Deutschen Telekom und dem Kooperationspartner Klinikum getestet und seit Sommer 2008 regulär angewandt wird. Es ist eines von vielen Projekten in Deutschland, mit denen teilweise auch schon über viele Jahre Erfahrungen gesammelt werden. Rund 10 000 Patienten werden derzeit telemedizinisch fernbetreut. Für den erfahrenen Herzspezialisten bietet die Telemedizin enorme Chancen. Er sieht den größten Nutzen für den Patienten selbst. Ohne die bisher nötigen Kontrollbesuche bei seinem Hausarzt sieht er sofort, wenn seine Werte aus dem Ruder laufen, und er spart sich die Fahrt in die Praxis und die Wartezeit dort. „Das System motiviert den Patienten, sich zu disziplinieren, seine Zielwerte einzuhalten. Dadurch kann er an die viel kürzere Leine genommen, also viel strenger überwacht werden“, erklärt Detlev Jäger.

Motiva checkt zudem nicht nur den täglichen Gesundheitszustand, sondern gibt auch zielgerichtete Ratschläge, wie der Patient seinen Blutdruck in Ordnung bringt oder drohende Risikosituationen vermeidet. Zusätzlich bietet das System mit fünf- bis achtminütigen Schulungsvideos zu Themen wie richtige Ernährung oder Sport auch Anleitung zur Selbsthilfe, wie der Patient eigenverantwortlich mit seiner Krankheit am besten umgeht.

„Seitdem ich Motiva nutze, habe ich auf jeden Fall viel mehr Lebensqualität“, sagt Dieter Löscher. Für ihn war es immer mit einem großen Aufwand und auch Stress verbunden, wegen ein paar Messungen lange Wege auf sich nehmen zu müssen. „Aber für mich ist diese Sicherheit sehr wichtig. Jetzt kann ich zu Hause bleiben und bin doch beruhigt, weil ich weiß, dass jemand auf mich aufpasst“, erklärt der 74-Jährige die Vorteile aus seiner Sicht. Er mag auf das System gar nicht mehr verzichten. Ins Krankenhaus ging er seit seiner Herzoperation im Jahr 2008 nur noch als Besucher, nicht als Patient.

Aber auch für die Ärzte bietet die Telemedizin Vorteile. Durch die höhere Kontrolldichte, Zuverlässigkeit und Versorgungsqualität können die Mediziner effektiver arbeiten, also mehr Patienten „automatisiert“ betreuen. Allein 800 000 Patienten mit Herzinsuffizienz gibt es in Deutschland. Gerade in ländlichen Gebieten, wo immer weniger Hausärzte immer mehr Patienten betreuen müssen, nimmt das Telemonitoring den Medizinern Arbeit ab.

Obwohl die permanente Überwachung über das Klinikum Friedrichshafen läuft, bleiben die Hausärzte für ihre Patienten verantwortlich. Freilich könnten sich auch die Hausärzte an das System anschließen lassen. „Aber bei zwei, drei Patienten lohnt es sich vom Aufwand her noch nicht, das System zu beherrschen“, erklärt Detlev Jäger und stellt klar: „Wir nehmen niemandem den Patienten weg, sondern verstehen uns als Berater oder Unterstützer.“

Die Telemedizin ist freilich auch für andere, vor allem chronische- und sogenannte Volkskrankheiten wie Asthma oder krankhaftes Übergewicht anwendbar. Am Klinikum Friedrichshafen ist die Visite via Internet für Patienten mit Bluthochdruck in Vorbereitung. Im benachbarten Ärztehaus wird ein Projekt für Diabetiker vorbereitet.

Detlev Jäger ist davon überzeugt, dass sich die Telemedizin durchsetzen wird. „Durch die tägliche Kontrolle können Probleme frühzeitig erkannt und Klinikaufenthalte so weit wie möglich reduziert werden.“ Zudem gibt es durch die demografische Entwicklung immer mehr Senioren, die auch immer älter werden. „Mit Telemedizin können mehr Menschen besser versorgt werden.“ Aber: Sie unterstützt die ärztliche Leistung. Ersetzen kann sie sie nicht.

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