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Gesellschaft Um Tiere trauern – ist das normal?

Wer ein geliebtes Tier verloren hat, muss sich oft flaue Sprüche anhören. „War doch bloß ein Tier“ oder „Hol dir doch ne Neue!“ sind oft noch die harmlosesten Sätze. Psychologen erklären aber, die Trauer um ein Tier könne so intensiv sein wie um einen Menschen.

Viele Tierfreunde beerdigen ihre Haustiere ebenso liebevoll wie menschliche Gefährten.
Viele Tierfreunde beerdigen ihre Haustiere ebenso liebevoll wie menschliche Gefährten. | Bild: Bild: dpa

„Vor zwei Tagen habe ich meine Katze verloren. Sie starb in meinen Armen. Wir hatten nur noch vier oder fünf Minuten bis zum Tierarzt, sie hat es nicht mehr geschafft. Ich mache mir endlose Vorwürfe: Wäre ich nur ein paar Minuten eher losgefahren oder etwas schneller oder zu einem anderen Arzt. Ich kann einfach nicht mehr, mein Leben erscheint mir unerträglich.“

Anrührende Sätze sind das – da beschreibt ein Mensch in einem Internet-Trauerforum den Verlust eines Tieres, als hätte er da einen Partner verloren, ein Kind oder eine sehr gute Freundin. Und doch können die meisten Menschen mit dieser Trauer nicht umgehen. „Das war doch nur ein Tier!“, ist dann eine gängige Antwort. Andere Menschen raten forsch: „Hol dir doch 'ne Neue!“ Für Tierfreunde, die oft Jahre oder Jahrzehnte ihres Lebens mit ihrem Hund, ihrer Katze oder ihrem Pferd geteilt haben, sind solche Sätze sehr bitter. Und mancher fragt sich vielleicht heimlich selber: „Bin ich noch normal?“

„Es ist schon sehr gedankenlos, wenn Menschen so unsensibel reagieren“, sagt die Psychologin Claudia Pilatus, die zum Thema ein Buch geschrieben hat. Diesen Menschen fehle das notwendige Maß an Mitgefühl.

Weil es eben gesellschaftlich so verpönt ist, zeigen viele von ihrer Trauer möglichst wenig nach außen. „Die meisten Menschen bringen uns nach dem Tod ihres Tieres schnell Körbchen und Futter vorbei und gehen wieder, bevor sie weinen müssen“, berichtet Monika Ciulla vom Tierheim Waldshut-Tiengen. Viele erklärten nach dem Tod ihres Tieres im ersten Schmerz, „nie wieder“ ein Tier haben zu wollen. „Aber oft fragen die Kinder dann nach einer Weile wieder nach einem Spielkameraden“, sagt sie.

Ob diese Trauer nun „normal“ ist oder nicht, ist für Claudia Pilatus nicht die Frage: „Der Verlust eines Tieres ist wie eine Amputation, denn es ist Teil unseres emotionalen Lebens.“ Dass Menschen so eine enge Beziehung zu ihren Tieren aufbauen können, überrascht die Psychologin nicht: Tiere seien ein Stück Natur, über sie komme der Mensch wieder mehr mit seiner eigenen „wilden“ oder „animalischen“ Seite in Berührung. Zudem bringe ein Tier seinem Halter immer Zuneigung entgegen, während ein Mensch immer auch einmal ablehnend oder kränkend sein könne. „Wenn dann ein so geliebtes Tier stirbt, falle ich in ein tiefes Loch“, erklärt die Expertin.

Trauer braucht Geduld – auch wenn es um Hunde, Katzen, Pferde oder Meerschweinchen geht. „Lassen Sie sich Zeit“, rät sie. Sie selber wartete ein Jahr, bis nach dem Tod ihres Hundes ein neuer Hund ins Haus kommen konnte. Ziehe zu schnell wieder ein Tier ein, bestehe die Gefahr, dass man ihm nicht gerecht werde und es zu sehr mit seinem Vorgänger vergleiche.

Bei der Trauer selber haben viele Tierfreunde ein Auf und Ab beobachtet. Manchmal ist sie stärker, manchmal schwächer. Den meisten gelingt es mit der Zeit, sich nicht nur das traurige Ende, sondern auch die schöne gemeinsame Zeit mit dem Tier zu erinnern.

Vielen helfe es, mit anderen Menschen über den Verlust zu sprechen, rät Claudia Pilatus. Allerdings sollte man sich die Gesprächspartner genau aussuchen: „Das versteht nicht jeder.“ Am besten wende man sich an Menschen, die man schon als verständnisvoll und einfühlsam kennengelernt hat. Wer niemanden wisse, der ihm zuhören könne, für den könnten auch Tier-Trauerforen im Internet nützlich sein. Dort treffen die Trauernden andere, die ih ren Verlust nachempfinden und tröstende Worte finden können.

Manchmal wird die Trauer aber so stark, dass sich daraus eine Depression entwickeln kann. „Wenn Sie in Ihrem Alltag nicht mehr funktionieren, nicht mehr arbeiten können oder Beziehungen vernachlässigen, ist es Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen“, mahnt Claudia Pilatus.

Die Frage nach der Schuld

Ein besonders heikler Punkt bei vielen Tierhaltern sind die Schuldgefühle. Oft war das Tier zuvor krank und der Tierhalter musste es einschläfern lassen. „Viele Menschen machen sich dann große Vorwürfe, sie hätten das Tier umgebracht“, erklärt Claudia Pilatus. Bei einem kranken Tier sei das aber eine Erlösung – und diese Entscheidung zu treffen, gehöre zum verantwortungsbewussten Halten von Tieren dazu. „Machen Sie sich rechtzeitig bewusst, dass das irgendwann auf Sie zukommt“, sagt sie. „Erst nimmt der Tierarzt dem Tier das Bewusstsein, und erst dann folgt die tödliche Spritze“, erklärt sie. Im Übrigen werde ein guter Tierarzt es von selber ansprechen, wenn einem Tier aus medizinischer Sicht nicht mehr geholfen werden könne.

Viele Tierfreunde quälen sich endlos damit, sich zu fragen, ob sie auch alles getan haben, ob der Zeitpunkt richtig oder falsch war. „Machen Sie sich klar, dass Sie alles so gut gemacht haben, wie es in Ihrer Macht stand“, empfiehlt die Tierärztin Carmen Stäbler, die vor Jahren selbst ein Buch zum Thema geschrieben hat. Eile beim Einschläfern sei in den meisten Fällen nicht angebracht. Meist sei genügend Zeit, sich von dem Tier zu verabschieden.

Doch die Trauer kann oft Jahre dauern. Carmen Stäbler rät: „Seien Sie dankbar, dass Sie so eine schöne Zeit mit Ihrem Tier haben durften.“ Wenn die größte Trauer abgeklungen sei, könne man sich auch überlegen, ob man vielleicht wieder ein neues Tier in sein Leben lasse. „Man darf um Tiere trauern“, betont sie. Gleichzeitig mahnt die gläubige Katholikin, die Tiere trotz aller Trauer nicht auf eine Stufe mit den Menschen zu stellen: „Gott hat die Tiere geschaffen, damit wir sie lieben und uns an ihnen freuen, aber nicht, damit wir sie vergöttern. Es ist schon richtig, dass wir sie gut behandeln. Und sie haben auch eine Seele. Aber wir haben alle nur eine begrenzte Zeit auf Erden.“

Noch mehr vom Seelsorgerlichen her sieht der Münsteraner Theologe Rainer Hagencord für theologische Zoologie das Thema. Sein Institut beleuchtet das Verhältnis von Mensch und Tier in der Religion. „Die Trauer um ein Tier kann so stark sein wie die um einen Menschen“, sagt er. „Diese Trauer muss man ernst nehmen und darf sie nicht wegreden. Die Emotionen sind ja da.“ Als Christ habe er durchaus Hoffnung, dass die Tiere auch ins Paradies kämen. Und dann sagt er etwas sehr Tröstliches: „Gott als Schöpfer allen Lebens wird auch die Tiere wieder zurück in seine Hand gleiten lassen.“

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