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Geschichte Später Glanz einer elenden Zeit

Das Mittelalter lebt. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen – in Büchern, Filmen und alten Heilmitteln

Hildegard-Tee und Klosterkraut, Wanderhuren und Ritterspiele auf dem Computer: Das Mittelalter ist beendet, aber noch lange nicht am Ende. Mehr als andere Epochen beschäftigt es die Fantasie der Nachgeborenen. Es ist nicht so nüchtern wie die Römerzeit und so uniform wie der Militärstaat Friedrichs des Großen. Stattdessen überschlagen sich Mittelalter-Filme mit bunten Schilderungen („Die Wanderhure“), kämpferischen Darbietungen („Die Säulen der Erde“) oder einer charismatischen Frau („Hildegard“). Humus dieser Mode ist ein Buchmarkt, der seine Kunden freudig mit frischem Stoff aus jener Epoche beliefert.

Womit erklärt sich das anhaltende Interesse an einer Zeit, die in Wahrheit Hygiene nicht kannte und in der 90 Prozent der Bevölkerung in Not lebte? „Ein Grund ist mit Sicherheit die Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Welt, die von vermeintlich einfachen Spielregeln beherrscht wird“, sagt Gabriela Signori, Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Konstanz. Die Expertin weist aber darauf hin, dass sich die populären Medien vor allem auf leicht fassbare Themen werfen. Das Panorama soll stimmig und bunt sein, es soll attraktive Charaktere bieten, einen veritablen Bösewicht inklusive. „Diese Vorstellungen haben mit dem Mittelalter meist wenig zu tun“, sagt Signori im Gespräch mit dieser Zeitung. Mit anderen Worten: Diese lange Epoche und ihr Kern ist das eine, ein Roman das andere. Zwischen historischen Tatsachen und Ritterfräulein liegen oft Welten. Wer sich wirklich für diese Zeit interessiert, wird sich durch Quellen und Akten wühlen müssen.

So wie Umberto Eco, der im Brotberuf als Professor in Bologna lehrte. Eco kennt beides – die lateinisch geschriebenen Urkunden und den Spaß am Fabulieren. Als Autor löste er mit „Der Name der Rose“ (deutsch 1982) eine neue Mittelalter-Mode aus. Er lieferte eine höchst brisante Mischung aus Fakten und Fiktion. Ein Kriminalroman mit schrägen Typen, einem Detektiv in Mönchskutte und zahlreichen Ungereimtheiten.

Seit Ecos Glockenschlag gab es kein Halten mehr. Talentierte und weniger talentierte Autoren greifen zur Feder und basteln sich ihre persönliche Burg nebst Zubehör zusammen. Da wird die Äbtissin Hildegard von Bingen schnell zur modernen Frau hochgeschrieben, die den Mannsbildern aber kräftig ihre Meinung sagt – Alice Schwarzer lässt grüßen. Ähnliches gilt für „Die Päpstin“ (erst Buch, dann Film). Sie basiert auf einem Gerücht des 7. Jahrhunderts, das sich erstaunlich gut hält und von einer amerikanischen Autorin mit flotter Feder reanimiert wurde.

Die Machart ist oft austauschbar. Schmal ist der Grat zwischen verzweifelten Hausfrauen und verzweifelter Klosterfrau. Im Computerspiel wirken der Ritter und sein wackerer Page wie ausgestopft. Ohne Rüstung gehen sie auch als Jedi-Ritter oder Landser durch.

Einen tiefen Fundus an Themen hält diese Zeit in religiöser Hinsicht bereit: Der Prachtentfaltung der einen katho lischen Kirche stehen Ketzer gegenüber und Orden mit neuen Idealen, dazu aufbegehrende Nonnen. Auch eine Legende wie die Grals-Erzählung ist dankbarer Stoff. Wem das nicht genügt, der hält sich am Orden der Tempelritter schadlos – ein weites Feld für Verschwörungstheoretiker. „Der anhaltende Boom erklärt sich aus dem Interesse für das Fremde im Eigenen“, sagt Wolfgang Kaschuba, Ethnologe in Berlin. „Die Menschen betrachten das Mittelalter als Gegenentwurf zur Moderne.“

Doch sollte man sich bei der Verurteilung dieser Ära hüten. Mittelalter wird häufig mit „dunkel“ kombiniert, eine Zeit also, in der finstere Mönche und überhaupt finstere Mächte das Sagen hatten. Dabei sind viele der Romane, die diese Klischees bedienen, erschreckend schlecht recherchiert. Oft stimmt nicht einmal die Kleiderordnung. Gemessen an den Kriegen und Erfindungen des 20. Jahrhunderts wirken die Wurfmaschinen und Keuschheitsgürtel doch harmlos. Als Stoff für gute Unterhaltung ist diese Groß-Epoche ein Glücksfund: Alles steckt drin, was Menschen fühlen können. Wo sie Leistungen setzen, die bis heute beachtet werden – siehe die Apotheke der heiligen Hildegard.

Am Ende bleibt dennoch Skepsis. „Der Name der Rose“ schließt so: „Kalt ist's im Skriptorium. Der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dieses Schreiben. Ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht worüber.“

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