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LebenundWissen Der lange Schatten der Wolke von Tschernobyl

Wildschweinfleisch aus Baden-Württemberg ist noch immer radioaktiv belastet. Schuld ist der Appetit der Tiere auf Hirschtrüffel – und die lange Halbwertszeit des Isotops Cäsium 137

Gibt es hier Hirschtrüffel? Ein Wildschwein sucht nach Futter.
Gibt es hier Hirschtrüffel? Ein Wildschwein sucht nach Futter. | Bild: Bild: dpa

Ein schöner Wildschweinbraten oder ein aromatisches Gulasch – viele Feinschmecker können einer solchen Versuchung kaum widerstehen. Doch immer wieder hört man, Wildschweinfleisch sei 25 Jahre nach Tschernobyl noch immer radioaktiv belastet. Das stimmt auch. Allerdings: Gesundheitsgefährdend sind die Werte nicht.

Wildschweine sind ganz verrückt nach einem bestimmten Pilz – dem Hirschtrüffel. Für Menschen ist dieser Pilz nicht genießbar. Der Hirschtrüffel reichert die Radioaktivität aus dem Boden in hohem Maße an. Dadurch ist das Fleisch der Tiere radioaktiv belastet. Besonders hohe Werte werden bei den leichteren Jungtieren der Wildschweine, den Frischlingen, gemessen. Sie nehmen im Verhältnis zum Körpergewicht mehr auf.

Allerdings sind nur bestimmte Bereiche im Land betroffen. „Wir haben hohe Werte im Schwarzwald im Bereich Schluchsee und im Bereich Freudenstadt“, sagt Martin Metschies. Metschies ist Lebensmittelchemiker bei den CVUA-Untersuchungsbehörden in Freiburg und für das Thema Radioaktivität zuständig. Ebenfalls hohe Werte werden immer wieder bei Proben im Bereich Ravensburg/Ulm gemessen. „Die Nadeln der Nadelbäume kämmen die Radioaktivität regelrecht aus der Luft heraus“, erklärt der Experte.

Von Tschernobyl geblieben ist das Isotop Cäsium 137. Es hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren und verhält sich im Körper und in Böden ähnlich wie Kalium. Waldböden sind oft sauer und mineralarm. Deshalb wird das Cäsium vom Boden gespeichert und vom Hirschtrüffel regelrecht aufgesaugt – so kommen die hohen Werte zustande.

Der Grenzwert für Wildschweinfleisch liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm Fleisch. Das ist aber ein reiner Vorsorgewert: „Da müsste man viel Wildschwein essen, bevor da was passiert“, sagt Metschies. Nur Kinder sollten sich etwas mehr zurückhalten.

In Gebieten, von denen man weiß, dass sie noch stärker radioaktiv belastet sind, muss jedes gejagte Tier auf Radioaktivität getestet werden. Wird der Grenzwert überschritten, darf das Fleisch nicht vermarktet werden. Der Jäger muss es entweder gegen eine Entschädigung entsorgen oder isst es selber. Vom Gesundheitlichen her ist das kein Problem. In anderen, weniger belasteten Gebieten werden nur Stichproben gemacht.

Keine Sorgen müssen sich die Deutschen nach Metschies' Ansicht wegen möglicher Radioaktivität durch den Atomunfall in Japan machen. Zahlrei che Meßstellen im Land überwachten die Werte, die empfindlichste steht auf dem Schauinsland. Japan sei viel zu weit weg, als dass hier bedrohliche Werte ankommen könnten.

Wegen ihres speziellen Speiseplans sind Wildschweine übrigens die einzigen Waldtiere, deren Fleisch noch radioaktiv belastet ist. Reh- und Hirschfleisch ist nicht betroffen. Bei Pilzen ist es eigentlich nur noch der Maronenröhrling, der Cäsium mehr speichert. Pfifferlinge und Steinpilze hingegen könnten Pilzfreunde unbesorgt genießen, sagt Metschies.

Kein Thema mehr ist die Radioaktivität von Tschernobyl auch auf den Ackerböden in Baden-Württemberg. „Dort wird die Radioaktivität an Tonmineralien gebunden“, erklärt der Experte. Diese Mineralien funktionierten ungefähr wie ein Ionentauscher, erläutert Metschies. Sie „schlucken“ die radioaktive Belastung gewissermaßen, die Pflanze kann sie aus dem Boden gar nicht aufnehmen.

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