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Kriminalistik Der Code des Verbrechens

Er hat die Kriminalistik in Deutschland vorangebracht: Der Sprachprofiler Raimund Drommel. Er knackte den Code der RAF-Häftlinge in Stammheim und sammelte im Fall des mysteriösen Todes des CDU-Politikers Uwe Barschel 1987 in Genf neue Erkenntnisse. Ein Gespräch mit Drommel über verhinderte Attentate, akademische Ghostwriter und den Prozess um Jörg Kachelmann

Herr Drommel, wie raffiniert war der Sprachcode der Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) im „deutschen Herbst“ 1977?

Dieser Code war sehr raffiniert. Er wurde in der Hauptphase der RAF verwendet. Zu Anfang hatten die Terroristen einen ausgeklügelten mathematischen Code, aber es fiel sofort auf, dass es eine Geheimsprache war. Später wechselte die RAF zu einer rein sprachlichen Codierung bei einer doppelbödigen Kommunikation. Die inhaftierten Terroristen tauschten sich aus mit den frei operierenden. Die Post wurde im Knast standardmäßig gecheckt und fotokopiert. Da es sich um alltägliche banale Inhalte handelte, kam niemand auf die Idee, es könne etwas Konspiratives sein. Die ausgetauschten Rezepte oder Schnittmuster waren in Wirklichkeit Anweisungen an die frei operierenden Terroristen, wann, wo und in welcher Form sie wieder zuschlagen sollten.

Wie sind Sie den RAF-Leuten schließlich auf die Schliche gekommen?

Die Observierer sahen in den Briefen eine ganz unverfängliche Kommunikation. Aber den Ermittlern fiel schon früh auf, dass alle Terroristen in Köln-Ossendorf oder Stuttgart-Stammheim die gleichen Bücher besaßen und diese auch in der gleichen Reihenfolge angeordnet hatten. Mir war es gelungen, den Code weitgehend zu knacken, bis dann 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen der Mythos der GSG9 starb. Im Rucksack der Terroristin Birgit Hogefeld fand man Codierungs- und Decodierungsmaterial für dieses geheime Kommunikationssystem. Wenige Monate später war es dann auch mit der RAF vorbei.

Mit Ihrer Hilfe als beratender Sachverständiger konnte ein Attentat auf den damaligen Außenminister Klaus Kinkel verhindert werden.

Unter anderem hatte man den Herrn Kinkel im Visier. Der Codename für diesen geplanten Anschlag lautete „Aida“. Diese gleichnamige Oper hätte der damalige Außenminister besuchen sollen. Die RAF kannte sogar seinen Sitzplatz. Aber die Behörden haben ihn zum Glück davon abgehalten.

Sie standen daraufhin selbst auf der Todesliste der RAF. Wie haben Sie davon erfahren?

Es wurden konspirative Wohnungen der RAF gefunden, dort fand man Listen unerwünschter Personen, die zum Zielobjekt wurden. Da kam ich dann auch in den Genuss, auf einer solchen Liste zu stehen. Zur Pflichtlektüre der RAF gehörten nicht nur die Publikationen der Sympathisanten, sondern auch die kriminalistischen Fachmagazine. Und da gab es auch Maulwürfe, die Interna der Fahnder in Erfahrung brachten. Bei den Rechtsextremen hingegen habe ich diese Doppelbödigkeit und Intelligenz nicht vorgefunden, die mich interessiert hätte, da irgendetwas zu knacken.

Hat jeder Mensch einen eindeutigen linguistischen „Fingerabdruck“ oder könnte ein intelligenter Täter seine Sprache „anonymisieren“?

Das wird hin und wieder versucht. Aber wenn der Text lang genug ist, wird sich jeder noch so intelligente Täter irgendwann verraten, indem er etwas Persönliches durchscheinen lässt.

Sie haben Mitte der 1980er Jahre in Deutschland einen vollkommen neuen Beruf eingeführt: den des Sprachprofilers . . .

Ich habe Sprachwissenschaft, Psychologie und Kriminalistik studiert. Diese Kombination ist sehr selten. Ein Sprachprofiler unterscheidet sich von den reinen Sprachwissenschaftlern dadurch, dass er nicht nur das linguistische Know-How hat, sondern gleichzeitig auch das kriminologische und psychologische Wissen. Er kann allein anhand eines Textes ein Täterprofil erstellen. Das ist heute ganz wichtig bei hochsensiblen Themen wie etwa dem Leaking (Verrat von Firmengeheimnissen, die Red.) oder beim Tatbestand der Produkterpressung.

Gab es für Ihre Arbeit Vorbilder?

In den 50er Jahren gab es in Schweden einen anonymen Schmähbriefeschreiber; das war der Bischof Helander. Er wurde durch ein langes sprachkriminalistisches Gutachten überführt, welches, kontrovers diskutiert, rege Forschungsaktivitäten in Schweden auslöste. In Deutschland wirkte in den 70er Jahren der Bundesbahn-Attentäter „Monsieur X“ alias Hermann Kraft. Ein Philologe der Universität Mannheim hatte erstmals in Deutschland über die Sprache der Erpresserbriefe versucht, die Identität des Täters herauszufinden. Als ich 1986 anfing, war auf diesem Gebiet Tabula rasa. Bei meinem ersten Fall habe ich gemerkt, es geht nicht ohne Hightech-Software – in Kombination mit dem Sachverstand des Experten. Noch verfügt die Polizei über keine Sprachprofiler, aber das kommt.

Kann man zwischen Frauen- und Männersprache klar unterscheiden?

Es ist auch für mich schwer, zwischen einem sehr femininen Mann und einer sehr maskulinen Frau zu unterscheiden. Aber an dem Machospruch „Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch“ ist etwas dran. Außerdem sind die emotionale Komponente und die Ausdauer bei Frauen höher. Anonyme Schmähungen und Mobbingserien können sich da schon mal über Jahre hinziehen. Die härtesten verbalen Angriffe kommen meist von Frauen. Das ist das Kompensationsprinzip: Frauen stehen physisch weniger Mittel zur Verfügung als Männern. Das kompensieren sie durch ihre Sprache.

Würden Sie sagen, dass Sprache heute immer öfter als Tatwerkzeug oder Tatwaffe eingesetzt wird?

Ja. Es gibt Dienstleister, die es erlauben, anonyme Mails abzuschießen. Von daher hat Sprache als Tatwerkzeug im Internet eine ganz neue Bedeutung. Schandtaten breiten sich innerhalb von Nanosekunden aus. Neben dem dritten Weltkrieg, der im Internet zwischen den Nationen schon längst tobt, boomt inzwischen auch der Bereich Cybercrime, Cyberstalking und Cybermobbing. Hier kann nur ein Sprachprofiler helfen, mit technischen Methoden sind die Autoren nicht zu ermitteln. Jeder kann Opfer werden, deswegen empfehle ich jedem eine Rechtsschutzversicherung, die entsprechende Gutachten mitfinanziert. Große Unternehmen haben eigene IT-Abteilungen gebildet und versuchen, junge Leute auf die richtige Seite zu ziehen. Häufig sind die Täter nämlich versierter als die Opfer. Für einen Weltkonzern wäre es eine Katastrophe, wenn in dessen Top-Management ein Maulwurf säße. Aktuell habe ich einen Fall, bei dem ein Maulwurf die Zukunftsstrategien von einer internationalen Großbank verraten wollte. Häufig hat man einen Verdächtigenkreis von zwölf Personen. Per Computer wird dann das Tatschreiben mit Material der Verdächtigen abgeglichen.

Ein Jahr nach Uwe Barschels geheimnisvollem Tod 1987 tauchte ein an Finanzminister Gerhard Stoltenberg gerichteter Brief auf. Darin erhob Barschel schwere Vorwürfe gegen die CDU. Das BKA sieht in Barschel nicht den Urheber. Was haben Sie entdeckt?

Zum Thema Barschel ist viel veröffentlicht worden. Ich möchte keine weitere konspirative Idee entwickeln. Ich habe mich nur mit der Sprache Barschels beschäftigt und bei meiner Analyse herausgefunden, dass er tatsächlich der geistige Verfasser des strittigen Schreibens an Gerhard Stoltenberg ist. Ich habe nie behauptet, dass er den Brief auch unterschrieben bzw. abgeschickt hat. Um Barschels Individualstil dingfest zu machen, standen mir exklusiv private Schreiben zur Verfügung. Fast noch spannender ist das Profiling seiner letzten handschriftlichen Notizen, die im Hotel Beau-Rivage in Genf sichergestellt wurden. Ein Grafologe hat hier keine für Selbstmörder typischen Stressmerkmale feststellen können. Ich wurde von der Witwe beauftragt, Barschels Notizen mit seiner Originalsprache abzugleichen. Sie hatte den Verdacht, ihr Mann könnte zum Schreiben nach Diktat gezwungen worden sein. Dem war aber nicht so. Auffällig jedoch die konspirative Sprache in der letzten Passage, die nicht zu seinem Individualstil passen wollte. Jetzt kenne ich die Identität hinter dem Decknamen „Robert Roloff“ – der Person, die bei dem Tötungsvorgang dabei war. Das deckt sich mit den Erkenntnissen anderer, die darüber geschrieben haben.

Könnten Sie auch herausfinden, ob jemand bei seiner Dissertation einen Ghostwriter beschäftigt hat?

Absolut. Deshalb wundert mich auch die Schutzbehauptung der alten Herren in der Universität Bayreuth, ohne diesen gleichwohl zu nahe treten zu wollen. Es gab schon vor zehn Jahren eine Plagiatserkennungssoftware. In Carl Theodor zu Guttenbergs Dissertation sind so viele Stilbrüche, man hätte eigentlich sofort merken müssen, dass das niemals aus einer Feder stammen kann. Hier wurde vom ja nicht ganz mittellosen Doktoranden offenbar an der falschen Stelle gespart.

Einer der spektakulärsten Fälle der letzten Zeit ist der Kachelmann-Prozess. Gibt es daran etwas, was Sie als Sprachprofiler interessiert?

Hier beschuldigte ein mutmaßliches Opfer den mutmaßlichen Täter und verwickelte sich dabei in Widersprüche. Ein Sprachprofiler könnte sich intensiver mit genau den Fragen beschäftigen, die sich auch die Aussagepsychologie stellt: Wie sind die Widersprüche erklärbar? Sind sie Bestandteil des Posttraumas? Oder hat das mutmaßliche Opfer tatsächlich gelogen und den mutmaßlichen Täter falsch beschuldigt? Für mich als Sprachprofiler ist interessant, dass das Opfer auch aus einem fiktionalen Bereich geschöpft hat. Denn die Ex-Geliebte von Herrn Kachelmann war ja eine begeisterte Zuschauerin der Vorabendserie „Verbotene Liebe“. Kachelmanns ehemaliger Anwalt Birkenstock argumentierte, die Geliebte habe in den staatsanwaltlichen und polizeilichen Vernehmungen eine Sprache gezeigt, die nicht ihre normale Sprache sei. Frühzeitig kam der Verdacht auf, sie hätte Versatzstücke aus der „Verbotenen Liebe“ entlehnt. Vielleicht sogar das ganze Szenario, denn in der Serie gab es auch eine fingierte Vergewaltigung. Das einmal herauszuarbeiten, wäre Aufgabe eines Sprachprofilers. Ich habe gerade einen anderen Fall, der dem Kachelmann-Prozess gleicht wie ein Ei dem anderen. Hier ist der Beklagte definitiv unschuldig, die anzeigende Person hat ihre Anschuldigungen allein aus einem fiktionalen Text geschöpft und war von Dritten manipuliert und gesteuert worden.

Die Fragen stellte: Olaf Neumann

Die Sprache - mal vernebelnd, mal verräterisch

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