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Politik Die Idylle ein Jahr danach

20.07.2012
Die Anschläge von Utøya und Oslo erschütterten die Welt. Eine Folge sind verschärfte Gesetze und Rückenwind für rechte Parteien in Norwegen. Dennoch sehen die Norweger ihr Land positiver als zuvor.

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Fußballer der dritten Liga in Norwegen sollen Ergebnisse abgesprochen haben, Osloer fühlen sich durch viele Bettler aus Osteuropa gestört: Das kleine skandinavische Land dümpelt im Juli wie immer um diese Zeit mit lau klingenden Neuigkeiten vor sich hin, während die Menschen Ferien machen. So war es auch vor einem Jahr, als am 22. Juli um 15.22 Uhr eine Explosion im Zentrum von Norwegens Hauptstadt einen Albtraum in Gang setzte, den niemand für möglich gehalten hatte.Die Autobombe im Regierungsviertel und das folgende Massaker durch den Islamhasser Anders Behring Breivik auf der Insel Utøya kosteten 77 Menschen das Leben.

Neben Verzweiflung und Trauer vieler hundert Angehöriger und Überlebender sind die Spuren des beispiellosen Verbrechens auch äußerlich weiter unübersehbar: Das schwer beschädigte Hochhaus mit dem Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg in der obersten Etage ist ebenso wie andere kaputtgebombte Ministerien weiter verwaist und abgesperrt. Ob es abgerissen wird, ist nach wie vor offen.

Verblüffendes über die dauerhaften Spuren der Anschläge in den Köpfen und Herzen der Norweger hat der Osloer Politikwissenschaftler Ottar Hellevik mit einer Umfrage kurz vor dem Jahrestag präsentiert: „Der Anteil derjenigen ist gestiegen, die zufrieden sind mit dem Funktionieren unserer Demokratie.“ Das Vertrauen in die norwegische Gesellschaft habe zugenommen, erklärte Hallevik und ergänzte: „Mehr Menschen als vorher meinen, dass Zuwanderer zu größerer kultureller Vielfalt beitragen und nicht so sehr, dass sie Wohlfahrtsleistungen ausnutzen.“ Auch habe sich die Haltung zu islamischen Glaubensgemeinschaften nach den Anschläge positiv entwickelt.

Das Gegenteil hatte der 33-jährige Attentäter mit dem grausamen Gemetzel unter jugendlichen Sozialdemokraten und der Bombe vor dem Büro des sozialdemokratischen Regierungschefs erreichen wollen. Breivik präsentierte sich vom ersten bis zum letzten Tag seines Gerichtsverfahrens als „Kämpfer“ gegen die angebliche „Islamisierung“ Norwegens und die Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft.

Die Umfrage scheint zu bestätigen, dass Stoltenbergs in aller Welt gerühmte und bewunderte Aufforderung zu „noch mehr Demokratie und Humanität“ als Reaktion auf das Verbrechen Früchte trägt – statt Hass, Rache und eisiger Kälte in der Gesellschaft. Der Regierungschef selbst warnte vor zu schnellen positiven Schlüssen: „Es geht hier um Trauer, Schmerz, Tod, Leiden und Verlust. Aus all diesem Furchtbaren kann nicht einfach Gutes kommen.“

Tatsächlich haben die 4,5 Millionen Norweger eine ganze Reihe von Veränderungen erlebt, wie sie nach traumatischen Terroranschlägen als „normal“ gelten. Stoltenbergs Regierung hat eine Gesetzesinitiative für Verschärfungen der Antiterror-Gesetze in Gang gesetzt. Damit der Attentäter auch für den Fall eines Gerichtsentscheids auf Unzurechnungsfähigkeit in einem Hochsicherheitsgefängnis festgehalten werden kann, hat das Parlament eigens eine „Lex Breivik“ verabschiedet.

Norwegens Meinungsforscher sehen inzwischen auch zwei Rechtsparteien mit klarem Vorsprung vor der Mitte-Links-Regierung Stoltenbergs. Dass das Land bei der Aufarbeitung zentrale Fragen vielleicht doch nicht so klar und offen beantwortet hat, wie es auf den ersten Blick aussieht, meint der Schriftsteller Jan Kjærstad. Medien hätten Breivik allzu schnell als „einsamen Kerl“ abgestempelt und die eigene Gesellschaft als Sieger über ihn ausgerufen, schrieb er in einem Essay. F

ür unbeantwortet hält Kjærstad die Frage, ob der jahrelang mutterseelenallein vor seinem PC brütende Breivik nicht vielleicht doch warnendes Beispiel ist für „einen Typen Menschen, von dem wir mehr sehen könnten“: Junge Männer, geprägt von „Frustration, Enttäuschung und Zorn in einem augenscheinlich gut funktionierenden Norwegen“?

Norway Attacks

Am 22. Juli 2011 erschütterten die Taten des rechtsradikalen Attentäters Anders Breivik ganz Norwegen. Er verübte das Massaker auf der Insel Utøya und den Bombenanschlag in Oslo. Es starben 77 Menschen. Die Richter verhängten im August 2012 die Höchststrafe von 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

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