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Gesamt Nachts um vier klopft es an die Tür

08.12.2005
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Frau Sali wischt sich schon zum dritten Mal über die Wange. Die Tränen fließen. "Wir hatten Angst", sagt die 36-Jährige in gebrochenem Deutsch. Ernst blickt sie drein, selbst als der Fotograf die Familie hinter der Teekanne drapiert. Frau Sali ist gerädert, kaputt, schläft kaum. Eine Therapie soll ihr helfen. Denn sie schaut noch heute jede Nacht vor die knarzende Stahltür der Gemeinschaftsunterkunft Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) mit der Nummer 112. Ihre Angst ist berechtigt. Es könnte jederzeit wieder so sein wie in der Nacht des 14. November 2005.

Um vier Uhr morgens klopft es. "Polizei! Kontrolle!" Zehn Polizisten stürmen den etwa 30 Quadratmeter großen Raum. Draußen warten zwei Busse und zwei Polizeiwagen. Beamte leuchten das Areal aus, strahlen mit Taschenlampen durchs Fenster. Sakip Sali (39), seine Frau und fünf der sechs Kinder zwischen zehn und 20 Jahren packen ihre Habseligkeiten zusammen. Nur der 19-jährige Ersan besucht in dieser Nacht seine Freundin. Der, sagt ein Polizist, werde eben später abgeschoben. Frau Sali weint, die Kinder auch. Mann und Söhne werden Handschellen angelegt. Sali schnappt sich sein Keyboard. Er ist Musiker. Er war Musiker. Damals in Mitrovica, im Kosovo. Wenige hundert Meter von der Brücke, die den serbischen vom albanischen Teil trennt, lebte die Familie bis 1993, bis der Krieg und die "ethnischen Säuberungen" sie aus dem Land trieben. "Dort gibt es kein einziges Haus mehr", weiß Sali. "Wir können keine 24 Stunden überleben". Wieder weint seine Frau. Die Erinnerungen.

Auf dem Baden-Airport in Lahr muss sich die Familie ausziehen. Ihre nackten Körper werden untersucht. Es ist inzwischen sechs Uhr morgens. Die Roma-Ausweise behalten die Polizisten. Per Flugzeug geht es nach Prishtina, zusammen mit 150 weiteren deutschen "Abschiebefällen". Als dem Mitarbeiter der Zivilverwaltung des Kosovo (Unmik) klar ist, dass Angehörige der Roma oder Ashkali in der Gruppe sind, sichert er 33 Flüchtlingen sofortige Rückreise zu. Nach 40 Stunden ist auch Familie Sali wieder in Schwäbisch Gmünd. "Der liebe Gott wollte, dass wir wieder zurück können", formuliert Tochter Isbadet (20). "Hier ist doch meine Heimat", sagt der 17-jährige Roberto, der die Werkrealschule abgeschlossen hat und Bürokaufmann werden will. Wenn die Familie in Deutschland bleiben dürfte.

Geht es um Balkan-Flüchtlinge, zumal um Roma, werden schnell die Vorurteile ausgepackt: Teppichhändler, Vielweiberei, "Zigeuner". Nicht zuletzt deshalb zeigt die Politik gerne Härte. Doch die Kettenduldungen lösen nichts. Sie verhindern, weil sie eine Arbeitstätigkeit verbieten, eine Integration der Eltern, während sich die Kinder durch Kita- und Schulbesuch wie Roma-Deutsche fühlen. "Ich kenne das Kosovo nicht", sagt Roberto Sali. Flüchtlingsexperten halten eine Rückführung wie die von Roberto und seinen Geschwistern für verheerend. Die Unmik sagt, sie habe dem Regierungspräsidium Karlsruhe mitgeteilt, keine Unterkunftsmöglichkeiten für Roma oder Ashkali vorzuhalten. Familie Sali wurde dennoch auf den Weg geschickt.

Im Protokoll der Abschiebung wird ein krimineller Hintergrund angedeutet. "Wir waren nie sonne Leute", beteuert Roberto, der mit vier Jahren nach Deutschland kam. 1993 saß sein Vater Sakip als Asylbewerber in Mannheim in Abschiebehaft. Er hatte sich nicht als Roma zu erkennen gegeben, sondern flüchtete Richtung Bremen. Bis August 2004 lebte die Familie meist in Barke/Unterweser in Niedersachsen. Nach der Aufdeckung seiner Roma-Identität wurde er nach Baden-Württemberg zurückgeschickt, wo er den ersten Asylantrag gestellt hatte. "Ich habe nur versucht, meine Kinder und meine Frau zu retten", beteuert der schmächtige Mann mit den beiden blinkenden Goldzähnen.

Seit Juli 2005 dürfen ethnische Minderheiten aus dem Kosovo bei erheblichen Vorstrafen "rückgeführt" werden. Erheblich war die "Identitätsverschleierung" gewiss nicht, ist der Flüchtlingsrat sicher. Vielmehr solle offenbar "Abschiebung um jeden Preis" demonstriert werden. Im Falle der Familie Sali nach 13 Jahren in Deutschland. Die Kinder sprechen ein küsten-gefärbtes Hochdeutsch. "In Deutschland wäre ich mit allem zufrieden", sagt Vater Sali, obwohl es für die acht Personen in dem kahlen Zimmer ein "Horror" ist. Nie Ruhe, die Kinder stören sich gegenseitig bei den Hausaufgaben. In Brake hatte die Familie eine Wohnung. Im Südwesten wird auf Abschreckung gesetzt: Die "Gäste" sollen sich nicht zu wohl fühlen. So stehen hinter einer Reihe Schränke, die als Raumteiler aufgestellt wurden, dicht aneinander drei Stockbetten für die Kinder. Dicke Decken mit dem Schriftzug Baden-Württemberg liegen darauf. Die Eltern schlafen auf dem Sofa.

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und Pro Asyl verurteilen den "rücksichtslosen Umgang" nicht nur im konkreten Fall Sali. Sie plädieren für ein Bleiberecht für lange in Deutschland lebende, integrierte Familien. Flüchtlinge, die zehn Jahre und mehr in Deutschland gelebt hätten, würden "bei Nacht und Nebel abgeschoben wie Verbrecher", erzürnt sich Andreas Benk von der örtlichen "Bürgerinitiative gegen Fremdenfeindlichkeit". Weil den Salis die Roma-Pässe abgenommen wurden, hält der Hochschullehrer die Aktion vom 14. November nicht für einen Einzelfall, sondern für eine bewusste Verschleierung der Identität und einen "Fall für die Gerichte".

Auch die oppositionellen Grünen unterstellen der Landesregierung, "Mehrkosten und psychische Spätfolgen für die Abgeschobenen" in Kauf zu nehmen, um gute Abschiebungsziffern vorweisen zu können. "Dieser Vorgang ist inakzeptabel", sagt Theresia Bauer. Ihre Grünen-Fraktion fordert "Klärung des Vorfalls" in einer parlamentarischen Anfrage und fragt nach den Kosten für die "missglückte Abschiebeaktion".

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU), derzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz, sieht in der Unmik den Verursacher solcher Härten. "Wir sind davon ausgegangen, dass sie aufgenommen werden." Das zuständige Regierungspräsidium habe die "Modalitäten eingehalten", doch die Unmik ändere ständig die Ablehnungsgründe. Auch im Auswärtigen Amt kursiert ein interner Bericht, die UN-Behörde "widersetze sich (...) zunehmend unter Missachtung der getroffenen Vereinbarung". Die Innenministerkonferenz wird heute in Karlsruhe das Thema unter dem Tagesordnungspunkt "Verknüpfung von Rückführungsfragen mit der Vergabe finanzieller und technischer Hilfe bei unkooperativen Staaten" behandeln. Kirchen und Menschenrechtsorganisationen fordern eine Aufenthaltsregelung für Familien und Einzelpersonen, die lange in Deutschland leben und "faktisch integriert sind". Dies wäre auch Familie Salis einzige sichere Chance, in Schwäbisch Gmünd zu bleiben.

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