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Jäger des verlorenen Schatzes

09.11.2006
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Dieter Mertens ist ein unauffälliger Mensch. Gut mittelgroß, weiße Haare, 66 Jahre alt, dazu eine randlose Brille, durch die er mit freundlichen Augen schaut. Der gebürtige Niedersachse gehört zu den Zeitgenossen, die in ihrer Arbeit aufgehen - er ist der unauffällige Forscher aus dem Bilderbuch, der lateinische Texte des Humanismus zerlegt und analysiert, der alte Bibliothekskataloge studiert und gescheite Aufsätze über die Zähringer verfasst hat. Nun ist der Professor für Mittelalterliche Geschichte aus dem Dämmer der Gelehrtenstube herausgetreten und hat eine schläfrige Landespolitik aufgeweckt: Mertens hat aufgrund von dokumentarischen Funden nachgewiesen, dass wichtige Stücke auf der Verkaufsliste des Hauses Baden bereits dem Land gehören. Baden-Württemberg würde Dinge erwerben, die sein Eigentum sind.

Dieter Mertens' Aufsatz wurde unter dem Titel "Der Baldung-Grien-Code" in der FAZ vor einigen Tagen veröffentlicht. In ruhigen Worten und ohne Hast veranstaltet der Gelehrte einen Rundgang durch die Dokumente, die er im Generallandesarchiv vorgefunden hat. Blatt für Blatt entnimmt er den Aktenbündeln und schildert deren Inhalt kurz. Zentral in seiner Argumentation ist das Gesetz vom 1. April 1930, das die Besitzverhältnisse zwischen dem Haus Baden und dem neuen Land Baden (geschaffen 1919) regelt. Seine Folgerungen sind klar: Wichtige Werke wie die berühmte "Nummer 88" (die Markgrafentafel) gehören dem Land seit 1930 - es muss sie also nicht erst erwerben. Warum das die zuständigen Beamten in den Ministerien für Wissenschaft und Finanzen nicht gemerkt haben? "Sie haben nicht gründlich genug gesucht", bemerkt der Professor trocken. Absicht will er ihnen nicht unterstellen, aber doch ein Versäumnis - schließlich seien die Papiere öffentlich zugänglich und in deutscher Sprache verfasst.

Der Jäger der Archivschätze stammt aus Hildesheim, ging aber schon als 19-Jähriger zum Studium nach Freiburg. Dort blieb er, schrieb seine Doktorarbeit und entwickelte sich im Lauf der Jahre zum Spezialisten für Landesgeschichte - Alemannen, Zähringer und Badener wurden ihm vertraut. 1984 erhielt er den Ruf an den Lehrstuhl für Landesgeschichte in Tübingen. So kam die Geschichte Württembergs, Vorderösterreichs sowie Schwabens dazu. 1991 ging er nach Freiburg an die ursprüngliche Wirkungsstätte zurück. Mit anderen Worten: Der seit einem Jahr pensionierte Universitätslehrer befasst sich seit über vier Jahrzehnten mit diesen Dingen. Hier schöpft einer aus gewonnener Erfahrung. Mertens ist Fachmann - und kein Schnellsprecher, der auf die Eile argumentative Brücken zimmert, die unter der Last der Tatsachen zusammenbrechen.

Er selbst ist erstaunt über das weit klingende Echo. "Ich hätte mir das nicht so dramatisch vorgestellt", bekennt er. Die Arbeit im Archiv "ist für mich täglich Brot"; das 20. Jahrhundert bildete nie den Schwerpunkt seiner Arbeit, deshalb betrat er in der Sache Baden ungewohntes Gebiet, bemerkte aber schmunzelnd: "Die Handschriften des 20. Jahrhunderts sind einfacher zu lesen als die des Mittelalters".

Wie geht es weiter? Mertens lehnt sich zurück und kommentiert: "Die Auseinandersetzung mit dem Haus Baden ist noch nicht über die Bühne." Er ist kein Jurist, gibt aber als Geschichtswissenschaftler Folgendes zu bedenken: "Es ist aus historischer Perspektive völlig abstrus, dass Güter der Säkularisation damals von Fürstenhäusern heute als Privateigentum angesehen werden." Darin liegt seiner Einschätzung nach das Elend der markgräflich-badischen Argumente. "Die Bilder sind gebundenes Eigentum, kein Privateigentum im modernen Sinne." Mit anderen Worten: Diese Kulturgüter nutzte die großherzogliche Familie in ihrer Eigenschaft als regierende Dynastie. Als sie 1918/1919 zur Abdankung gezwungen wurde, erlosch der Anspruch auf jene Güter, die sie 1806 durch die Säkularisation an sich gebracht hatte. "Es ist ein Witz, diese Bilder als Privateigentum anzusehen," bemerkt Mertens.

Das markgräfliche Haus ist über die Funde des Gelehrten wenig erfreut. Erbprinz Bernhard, der Geschäftsführer der Familie, sprach bereits von einer "Kampagne der FAZ". Die Fakten liegen anders: Die kritisierte Zeitung kann sich vor Zuschriften, Gutachten, Dokumenten nicht retten. Engagierte Leser, Fachleute und Kulturschaffende wenden sich an die FAZ als dem zuverlässigen Forum für ihr Anliegen. In diesen Kreisen geht Sorge um, dass die Familie Baden eine Kampagne führen - zur Sanierung ihrer selbst.

Dieter Mertens selbst bleibt nüchtern. Im Gegensatz zum Markgrafenhaus freilich verfolgt er keine persönlichen und materiellen Interessen. Er wirft sein beträchtliches Gewicht als Fachmann in die Waagschale - nicht mehr und nicht weniger. Im Übrigen ist er als Professor zugleich Landesbeamter und deshalb zur Loyalität verpflichtet. Dieser Pflicht ist er nun tausendfach nachgekommen, indem er dem Bundesland und seinen braven Steuerzahlern eventuell Millionen sparen hilft. Zu Zeiten der Monarchie hätte man diesen Mann geadelt. Heute müsste ihm Finanzminister Stratthaus mindestens um den Hals fallen. Das hat er nicht getan. Bleibt die Frage: Warum eigentlich?

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